„Zwei Menschen-Zwei Zeiten-Ein Tun“

Sonntags-Blog „Zwei Menschen-Zwei Zeiten-Ein Tun“, 21. August 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

während ich an meinem neuen Buch schreibe, fiel mir eine Geschichte von Shunryu Suzuki Roshi in die Hände. Shunryu war schon in Amerika und hatte Tassajara gegründet. Es ist das Jahr 1968. David Chadwick, sein Biograph erzählt.

Ein junger Meditierender stellte das Tun des Zen in Frage. Müssen wir so viel sitzen? Sollten wir nicht auf ausreichenden Schlaf achten? Sind die japanischen Formen für uns überhaupt richtig? Shunryu kam ihm in vielen Fragen entgegen, aber der junge Mann stellte die Antworten von Shunryu immer wieder neu in Frage. David Chadwick schreibt, „plötzlich stand der ganze Zendo in Flammen“

und Shunryu explodierte:

„‚Du hast kein Rückgrat! Ihr alle habt kein Rückgrat! Immer wollt ihr nur die süßen Pillen, nie die bitteren! Ihr habt kein Rückgrat!‘ […] ‚Ihr sagt, dass ihr die Wahrheit kennen lernen wollt. Keiner von euch will die Wahrheit hören! Wenn ich euch die Wahrheit sagen würde, säße ich alleine hier und könnte den Geräuschen eurer Autos oben auf der Straße lauschen!‘ […] ‚Ich verstehe euch. Ihr glaubt, dass Schmerzen etwas Schlechtes sind, dass Leiden etwas Schlechtes ist. Ihr glaubt, dass unser Weg das Leiden überwinden will, aber es gibt kein Ende des Leidens. Als ich jung war, machte mich das Leiden der Menschen traurig. Heutzutage bin ich nicht mehr so traurig. Jetzt weiß ich, dass wir dem Leiden nicht entrinnen können. Jetzt verstehe ich, dass es im Leiden eine gewisse Schönheit gibt. Ihr müsst mehr leiden.‘ Dieser Punkt war schwer zu begreifen und markierte das trostlose Ende eines wunderschönen Tages. “ (Chadwick 2000, S. 286)

Eine ähnliche Situation wird ca. 2000 Jahre früher an einem ganz anderen Ort beschrieben. Die berühmte Geschichte wie Jesus den Tempel in Jerusalem reinigt, voll schonungsloser Kraft.

Rembrandt, Darstellung der Tempelreinigung, 1626 gemalt.

Jesus jagt die Verkäufer aus dem Tempel.

„Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern und Schafen und Tauben und die Geldwechsler sitzen. Da machte er eine Geißel aus Stricken und jagte alle zum Tempel hinaus, samt den Schafen und Rindern, verschüttete die Münzen der Geldwechsler und stieß ihre Tische um und sagte zu den Taubenverkäufern: ‚Nehmt dies von hier weg und macht aus dem Haus meines Vaters kein Kaufhaus.‘“ (Arenhoevel Diego, Deißler Alfons, Vögtle Anton 1965, 97, Joh Evangl B 13, 2´6-3´11)

Zwei Menschen, zwei Zeiten, ein Tun.

Was verbindet diese beiden Menschen? Welches Gefühl hat sie dazu getrieben, ihren Zorn aufblühen zu lassen? Was geschieht hier im Menschen? Jeder von uns kennt sicherlich so einen Moment des Zorns. Wir alle haben gelernt, dass wir gesellschaftlich und sozial, diese Wut, diesen Zorn, der da abrupt entsteht, zu unterdrücken.

Manchmal, wenn Menschen es nicht gelingt, geschieht ein Unglück, dem wir im schlimmsten Fall den Namen Totschlag gegeben haben. Diese Bezeichnung ist nicht ungeschickt. Denn, was tut Shunryu und Jesus da? Sie schlagen tatsächlich etwas tot. Sie tun dies mit der ganzen in ihnen wohnenden Kraft. Denn Wut und Zorn gehört zu den kraftvollsten Emotionen, die wir Menschen kennen. Was schlagen sie tot?

Was wollen sie wirklich vernichten, so dass es nicht mehr aufsteht?

Das Äußere ist hier ja nicht das Ausschlaggebende. Worauf weisen mit riesigem Finger diese Taten dieser beiden Menschen hin? Was bedeutet es von mehr Leiden zu sprechen? Was bedeutet es kein Kaufhaus aus dem Heim zu machen? Was wollen sie uns sehend machen? Worauf wollen sie uns hinweisen?

Der Fingerzeig, Michelangelo, Sixitinische Kapelle Rom.

Beide Menschen streben die Verdeutlichung eines Lebensprinzips an. Welches Lebensprinzip ist das? Ist es nicht genau das, was die Zazen-Praxis tut und beim Vertiefen christlicher Praxis und Kontemplation zum Vorschein kommt?

Das Lebensprinzip des Lebens und Sterbens

– jetzt und hier – genau hier? Nicht irgendwo anders ist das Heim, das wir in ein Kaufhaus verwandeln. Nicht irgendwo anders ist das Heim, dem wir kein Leiden oder Schmerz zufügen wollen?

In unserem tiefsten inneren Winkel unseres Herzens wissen wir, dass diese beiden Menschen auf die Echtheit/auf die Unverfälschtheit hinweisen. Sie legen ihre Finger in unsere erstarrten Herzen und wollen sie auftauen, damit wir sehen, aufwachen, lernen das Leben-und Sterbensprinzip zu über-leben. Sie fordern unser Wach-Sein, unser Er-wach-sen-Sein ein! Sie wollen dieses nach bedürfnisbefriedigende zielende Verhalten/Kaufhausverhalten töten. Sie wollen die Echtheit eines wirklichen Lebenprinzips auferstehen lassen. Sie wollen uns aufrufen, uns selbst in unserer ganzen Authentizität zu begreifen.

Rachel Claire. Lebensprinzip.

Die Zazen-Praxis ist ein derartiges Tun, das mit jedem Atemzug, die Heimat neu auferstehen lässt. Jetzt ist die Heimat so. Gleich ist sie anders. Neu. Es gibt nicht den Atemzug und gleichzeitig gibt es ihn. Jeder Atemzug ist anders. Jeder Atemzug ist neu und dennoch gibt es diesen Einen.

Der Eine, der alle ist, ist der Atemzug, der einfach nur schön ist. Es ist der Atemzug, der das Haus des Vaters ist. Es ist der Atemzug, der daher kommt in aller natürlichen Schönheit, die ihm innewohnen kann. Er stellt nichts dar. Er will nichts. Er zeigt nichts. Er ist einfach. Gelingt es uns diesen einen Atemzug zu erfahren, begrüßen wir alle Atemzüge der Welt, sind wir in unserer Heimat angekommen. Es bedarf keiner Rinder und Schafe mehr. Es bedarf keiner Fragen nach Leiden oder nicht Leiden mehr.

Birgit Vyhnalek begleitet Sterbende.
„Wenn ich aus Geist, Seele und Körper bestehe, sind zwei davon schon drüben.“ © dpa

Das einfache Beob-achten!

Das einfache Beob-achten dieses Atems, seinem Erscheinen zu lauschen, sein Ankommen von Ferne zu ahnen, seine Wirkung zu verfolgen und in seinem Ende den Anfang fühlen – das ist dem Lebens-und Sterbeprozess begegnen und ihn bejahen. Dazu gehört das Leiden, das beide oben genannte Menschen aus ihrem Leben und Sterben gut kannten. Dazu gehört die Freude, die beide Menschen kannten. Das Empfinden einer Freude, das Auftauchen eines Glücks, das nicht kurzfristig in Bedürfnisbefriedigung daherkommt, sondern das unser aller Herzen aufleuchten lässt. Für alle! In aller Achtung!

Einen schönen Sonntag

Gassho

Ellen Daoren

Literaturverzeichnis

Arenhoevel Diego, Deißler Alfons, Vögtle Anton (Hg.) (1965): Die Bibel. Die heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes. 1. Auflage. Freiburg (Breisgau) u.a: Herder.

Chadwick, David (2000): Shunryu Suzuki oder die Kunst, ein Zen-Meister zu werden. Leben und Lehren des Mannes, der Zen in den Westen brachte. 1. Aufl. Bern: Barth.

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