Die Richtung eines Lebens

Sonntags-Blog „Die Richtung eines Lebens“, 13. März 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

Mitte März und die Sonne lacht seit Tagen von einem blauen Himmel. Auch, wenn der Winter noch nicht loslassen will und die Temperaturen nachts erheblich sinken, so lässt sich der Frühling nicht aufhalten. Kleines Grün erscheint. Kleine Blumen locken die ersten Bienen. Der Kreislauf des Lebens. Nach dem Sterben kommt Leben. Nach dem Leben kommt Sterben. Alles zu seiner Zeit, die wir nicht bestimmen können und doch irgendwie bestimmen. Wie leben wir unser Leben?

Wenn wir Zazen sitzen, passiert etwas Merk-würd-iges. Wir sitzen aufrecht – ganz aufrecht – so aufrecht wir nur können und bewegen uns dann nicht mehr. Im Alltag sitzen wir in allen möglichen Positionen, aber so aufrecht mit angezogenem Kinn und ineinander gelegten Händen – nein, das tun wir nur im Zazen. Doch, tut es einfach mal. Orientiert euch im Laufe des Tages immer wieder diese Aufrichtung beizubehalten. Am Ess-Tisch. Am Schreibtisch. Ja, sogar ab und zu auf dem Sofa.

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Archivbild Zen-Org.

Diese Aufrichtung ist eine besondere Auf-Richtung. Unten sitzen wir sozusagen auf unserem Steißbein. Es stellt die Verbindung zur Erde her. Oben lassen wir den letzten Wirbel, auf dem wir im Alltag so gerne unseren Kopf absetzen, frei, in dem wir das Kinn nach hinten zur Wirbelsäule schieben. So nehmen wir den Druck von der Halswirbelsäule und sie ist auch frei. Hier oben geht es zum Himmel. Dahin streckt sie sich. Himmel und Erde. Erde und Himmel. Beide Richtungen gelten. Beide Richtungen können wir uns im Zazen ansehen. Wir können die Richtung hinauf und hinunternehmen, je nachdem, was wir in uns stabilisieren wollen.

Wollen wir wieder mehr Boden unter den Füssen gewinnen, dann nehmen wir den Himmel und wandern zur Erde an der Wirbelsäule entlang. Wollen wir wieder mehr feste Schritte in eine Richtung gehen, dann nehmen wir den Himmel wandern die Wirbelsäule entlang nach unten zur Erde.

So betonen wir die Erde und die Kraft, die in ihr steckt. Jeder Atemzug wandert mit uns die Wirbelsäule hinunter. Und wieder von vorn. So ist die Richtung für ein gefestigtes Sein, um neue Schritte zu gehen. Um Schritte zu gehen, die Wunden heilt. Sie ist die Richtung, die Weinen erträgt, die Kummer und seelisches Leid verbessert durch ihre irdene Kraft. Der Himmel immer mit dabei, denn von dort kommen wir ja.

Wollen wir wieder mehr Verbundenheit mit unseren tiefsten Inneren und des menschlichen tiefsten Wissens, das allen Menschen schon seit Angedenken der Zeiten ins Auge fassten und stets wiedererkannten[1], so nehmen wir die Richtung von unten, der Erde, dem Steißbein hinauf wandernd zum letzten Halswirbel, Richtung Himmel.

Wir können diese Richtung immer wieder neu nehmen in der Meditation. Wir nehmen die Kraft der Erde, die wir alle bilden und wandern die Wirbelsäule hinauf bei jedem Atemzug, Richtung Himmel. Auf diese Weise können wir menschlichen Tiefen, Weiten, Engen, Hoffnungen, Erlebnissen, Emotionen, Wissen antreffen, dass nicht nur unser eigenes Wissen ist, sondern ein Wissen, dass jedes Wesen dieser Welten durchwebt.

Engel Roshi sprach einmal in einem Vortrag im Sesshin, dass jeder von uns an seinem eigenen Teppich webt. Wir weben unsere Erfahrungen, Gefühle, Erleben, Begegnungen, einfach wirklich alles hinein, was unsere Welt ist. Wenn wir auf diesen Teppich schauen, können wir Zen-Praktizierende sehen, dass es Streifen, Muster im Teppich gibt, die sich von den Anderen dadurch unterscheiden, dass sie so klar sind. Sie sind kein Durch-ein-ander, sondern ein Ein-Ander. Die Form, die Farbe, die Wollqualität in ihrer ausgewogenen Zartheit, der Geruch der natürlichen ungekünstelten Wolle, der weiche Klang beim Gehen über diesen Teppichstreifen erinnert uns daran, dass sind unsere Zazen-Zeiten. Hier ist mein Teppich heimisch im Himmel und der Erde. Die Wirbelsäule war im Lot. Der Geist war im Lot. Beide gemeinsam gingen in dieselbe Richtung. Keines wog mehr. Alles war gleich schwer, gleich leicht.

Wenn wir in dieser Form üben, kann es sein, dass Körper und Geist eine Erschütterung erfährt, weil die Erde oder der Himmel eine menschlich tiefe Wieder-Erkennung zeigt, die wir für nicht möglich halten, aber wir sie dennoch gerade erfuhren. In diesen Momenten nicht zweifeln, die Tränen kommen lassen, das Lachen geschehen lassen, den Ausruf tun, doch alles mit der „unbewegten Haltung“ einer „auf-rechten Wirbelsäule“, die jedem Sturm standhält. Sie biegt sich in alle Richtungen und wir folgen ihr, denn sie ist diejenige die schon längst alles kennt. Sie entstand vor unserer Zeit. Sie ist so alt wie die Menschheit.

Daher sage ich immer, es gibt keinen anderen Ort. Dies ist der Ort bereits. Wir brauchen nirgends wohin gehen und nichts tun, um etwas zu erreichen.

Wenn wir diesen einen unseren Ort erforschen, erforschen wir mit Erde und Himmel, mit Himmel und Erde das, was schon immer existierte und niemals weg war. Mit diesem Wissen verbunden, gehen wir in diese Welt, tragen diese Welt mit, so wie sie ist und reinigen mit diesem schon so altem Wissen den Fluss der Welt. Ja, jeder Atemzug in der Zazen-Meditation, egal, wo wir hinwandern, zur Erde oder zum Himmel be-atmet die ganze Welt, lässt sie aufstehen und vergehen, blühen und vermodern, leben und sterben.

Prag, Moldau.

Die Zazen-Praxis ist ein Wunder der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft in einem einzigen Augenblick. Sie zu üben, ist dies alles auf einmal sein.

Ich freue mich darauf mit Euch allen, diese Praxis lebendig zu halten. Ohne Euch gäbe es sie nicht. Danke Euch allen.

Ein herzliches Gassho

Ellen


[1] Bewusstsein: „bewist, bewüst, Part. Prät. eines inzwischen untergegangen Verbs frühnhd. bewissen ‘genau kennen, wissen’, reflexiv ‘sich auskennen, zurechtfinden’, das seinerseits wie mnd. bewēten ‘etw. ins Auge fassen, auf etw. bedacht sein, (um etw.) wissen’“, DWDS

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