Tore gehen auf

Sonntags-Blog „Tore gehen auf“, 31. Juli 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

es gibt den wunderschönen Song und Text von Rainer Maria Rilke, „Tore gehen auf“.

Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir einsam beisammen
und sind festlich, wie Flammen –
fühlen: Alles ist Eins.

Halten uns fest umfaßt;
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen wie Ast an Ast.

Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders:
sieh, wir sind nicht mehr anders,
und wir wiegen uns auch.

Meine Seele spürt,
daß wir am Tore tasten.
Und sie fragt dich im Rasten:
Hast Du mich hergeführt?

Und du lächelst darauf
so herrlich und heiter
und: bald wandern wir weiter:
Tore gehn auf..

Und wir sind nichtmehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag.

Derzeit durchschreiten wir die Sommertore mit Gewitterstimmung, Trockenheit, Regenschauern, Dürre, Sonnenschein, Wärme, Hitze, Kälteumschwünge – ein Tor nach dem anderen durchschreiten wir. Der Volksmund sagt so schön: Gut, dass keiner am Wetter drehen kann. So gehen wir denn vielleicht mit einem Stöhnen des Leids oder der Freude durch diese Tore, aber wir gehen ohne wenn und aber.

Rainer Maria Rilke

Wenn wir auf dem Kissen sitzen, durchschreiten wir auch Tore. Von uns gesichtete und ungesichtete Tore. Das Kegon Sutra oder Blumengirlandensutra erzählt von dem Knaben, der so gerne wissen wollte, wie ein echter Bodhisattva sich verhält und daher an viele Orte zu weisen Menschen reiste. Einer dieser weisen Menschen wird das Mädchen „Gnadenvoll“ genannt. Dieses erzählt ihm, welche Tore sie durchschritten hat, um ein Bodhisattva zu sein.

Oder Kegon-Sutra oder Blumengirlanden-Sutra

Das Tor der Vergangenheit, das Tor der Gegenwart, das Tor der Zukunft, das Tor des Verständnisses, das Tor der Tat des Reinigens, das Tor der Leistung, das Tor der Fortschreitens-Leistung, das Tor der Begierden, das Tor der großen Barmherzigkeit, das Tor der stillen Leere, das Tor der Sache der Weltlichkeit, das Tor der Geistes-Stille Buddhas. Die Liste dieser Tore im Kegonsutra ist lang. Sie ist bemüht jedes Tor zu erwähnen, dass ein Mensch durchschreitet auf dem Weg zu einem Bodhisattva, einem Menschen, der sich zur Aufgabe gemacht hat, nicht endgültig zu sterben bevor nicht alle Menschen erlöst sind.

Bodhisattva Avalokiteshvara mit seinen vielen Händen, die für alle da sind.

Wenn wir auf dem Kissen sind und wir uns einmal anschauen, welche Tore wir in einer einzigen Zazen-Einheit streifen, ohne dass wir sie ganz durchdringen, sondern eben nur streifen, so fällt uns auf, dass wir irgendwie ziemlich viele Tore streifen. Es taucht ein Gedanke auf, der kommt aus der Vergangenheit, ein anderer kommt aus der Zukunft wieder ein anderer hat mit dem gerade jetzt zu tun. Dann streifen wir diese ruhige Geistes-Stille und wir merken wie unser Körper und Geist plötzlich ganz ruhig ist. Manchmal streifen wir die Weltlichkeit so umfassend, dass uns die Geistes-Stille wieder verlässt. So hangeln wir uns von einem Tor zum anderen. Und jedes Tor sieht tatsächlich anders aus. Eines ist aus Holz, das nächste so klein, dass wir kriechen müssen, wieder ein Anderes so groß, dass wir die Tür kaum öffnen können.

Wie viele Tore gibt es in unserem Leben? Wie viele durchschreiten wir immer wieder? Wie viele Tore durchschreiten wir nur einmal? Wie viele Tore sehen wir? Wie viele sehen wir nicht?

Doch, wenn wir ein Tor ganz durchschreiten, dann bleibt dieses Tor für immer offen und wir brauchen es nicht mehr streifen und uns somit erinnern: Hey du bist auch noch da.

Gelingt es uns eines dieser Tore vollständig durchzuarbeiten, zu überdenken, zu durchqueren, hinüberzugelangen, dann ist dieses Tor kein Tor mehr für uns, sondern nur noch offene Weite.

Tor zur offenen Weite!

Die Zazen-Praxis tut nichts anderes als genau das. Sie schafft offene Weite, so dass diese Tore für uns deutlich sichtbar werden, denn erst dann, wenn wir sie sehen, können wir auch hindurchgehen. Es gibt den wunderbaren japanischen Film Nokan.

Film über ein Bestattungsritual in Japan – ein Film von dem Tor, das uns in das uralte Leben zurückführt.

Dort taucht ein Torwächter auf. Es ist der Mann im Krematorium, der den Knopf für das Feuer drückt. Er steht dort und sagt: Auch dies ist nur ein Tor. Wir sehen uns wieder.

Wenn wir Zazen sitzen, ist dort ein Tor nach dem Anderen. Und nach jedem Tor sehen wir uns wieder, auch nach dem letzten, denn das Leben selbst ist ewig.

Ich freue mich darauf mit euch noch viele Tore zu durchschreiten und wünsche uns allen viele Tore der Art, dass das Tor so weit offen ist, da wir es ganz durchschritten haben.

Eine gute Woche uns allen.

Gassho

Ellen









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