Sehen lernen

Sonntags-Blog „Sehen lernen“, 7. August 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

das Jahr eilt in riesigen Schritten mit uns dahin. Der 7. August und die Erde hat in ihrem Lauf um die Erde bereits wieder den Horizont überschritten und wandert auf die Ferne von der Sonne zu, den wir Winter nennen.

Manfred und ich haben heute einen wunderschönen Spaziergang in Tann im Wald gemacht. Es war noch kühl und die Sonne lichtete den Wald in frühlingshaften Grüntönen. Der Wind spielte leise mit den Blättern. Insekten ruhten in der noch anhaltenden Stille.

Im Wald in Tann.

Da fiel mir ein Gedicht ein, dass ich vor kurzem las. Es ist von dem berühmten portugiesischen Dichter Fernando Pessoa.

„Worauf es ankommt, ist zu wissen, wie man sieht
Zu wissen, wie man sieht, ohne zu denken
Zu wissen, wie man sieht, wenn man sieht
Und nicht zu denken, wenn man sieht
Oder zu sehen, wenn man denkt.

Aber dies (wenn wir nicht solch ein verkleidetes Herz hätten!) – 
Verlangt tiefes studieren, 
Übungen des Entlernens, 
Und ein Rückzug in die Freiheit dieses Klosters
In dem die Sterne – wie Poeten sagen – ewige Nonnen sind“ 

In unserem Alltag Dinge zu sehen, zu denken, zu fühlen, zu umgreifen, die wir nicht kennen, ist fast nicht möglich. Dennoch erzählen immer wieder Menschen von diesem Raum, der uns so nah auf der Pelle ist, dass wir ihn, gerade da er uns so nah ist, tatsächlich über-sehen.

„Der Psychologe Jerome Brunner […] machte […] deutlich, daß wir nicht nur etwas Erwartetes leichter wahrnehmen als anderes, sondern auch besondere Schwierigkeiten haben, etwas wahrzunehmen, worauf wir nicht eingestellt sind. “ (Jeremy Hayward, Erforschung der Innenwelten, 1996, 18)

Wie sehen wir? Wie sehen wir ohne denken? Wann sehen wir? Wann sehen wir mit Denken? Wann sehen wir ohne Denken? Was ist ein „verkleidetes Herz“? Was bedeutet „tiefes Studieren“? Was heißt „Entlernen“, wo wir doch immer lernen, oder? Was ist mit Rückzug ins Kloster gemeint, wenn die Nonnen Sterne sind?

Als ich das Gedicht las, war ich sofort im Zendo. Dort lerne ich das Sehen „anders“ zu sehen. Das Denken zu vergessen über das Zählen. Unsichtbares auf seine ihm eigene Weise sichtbar zu machen. Mein Herz zu öffnen und dem Schmerz Raum zu lassen, der sich darin seit urdenklichen Zeiten verbirgt. Dem Entleeren und somit Entlernen Freiraum zuzugestehen, mich von erlernten Mustern zu verabschieden in Ehrfurcht für ihre bis dato gut getanen Dienste, die ich jetzt ablegen kann, denn ein „anderes“ Leben taucht Minute für Minute vor mir auf. Das Kloster (claudere = schließen) mit seinen Sternen ist der Rückzugsort, der es mir in aller Friedlichkeit erlaubt, dem Sternenfall ohne Hektik, Betriebsamkeit, Wollen, Absichten zuzuschauen, wenn er soweit ist, dass es uns beiden gelingt, ihn zu bemerken. Der Stern und ich werden ein Augenblick. Wir beschließen gemeinsam diesen Moment. Wir verschließen das Bekannte und öffnen das Unbekannte. Wir schließen mit ausgedienten Dingen ab. Claudere – Kloster.

Die Meditation Zazen ist eine solches Instrumentarium. Es ist ein Rückzugsort. Es ist ein Freiraum, den nur wir betreten, ganz allein. Es ist ein klitzekleines Kloster diese kleine Matte mit Kissen oder Bänkchen oder Hocker. Hier können wir all das Sehen lernen, was uns fremd, neu, unbestimmt, unbenannt daherkommt. Nichts wird ausgeschlossen, alles ist eingeschlossen – Kloster eben. Hier ist mitten in diesem kleinen Raum der Matte ein klösterlicher Raum, der alles umgreift, was wir sind. Nichts, wirklich nichts ist hier ausgeschlossen. Alles darf sein. Mit dem Körper, dem Geist, der Seele, die jetzt genau hier sitzt, öffnet sich ein eigenster Kloster-Raum, der nur mich kennt und mir daher meine eigenen Begrenzungen zeigt und die Möglichkeit öffnet, diese Begrenzungen zu vergessen und den Himmel für alle Sterne zu öffnen.

Deshalb liebe ich Zazen. Es ist die Oase in der Wüste. So reich. Die Stille im Hurrikan. So still. Die ewige Ruhe im unsteten bewegten Leben. So tief. Es ist ein Geschenk des Himmels und der Erde, für das ich eine große Dankbarkeit empfinde, die ich gerne mit Euch allen teile.

Wenn ich einen Wunsch an den Himmel und die Erde frei habe, dann den, dass wir alle dieses Geschenk einfach annehmen ohne zu überlegen, was es mit uns macht. Schaden oder Nutzen-Vergleich? Nein, wir tun es einfach und erfahren eines der Ge-HEIM-nisse des ganzen Lebens. Wir kommen an in unserem eigensten HEIM, welches das Heim ist, das uns niemals verlässt, auch in der Stunde unseres Todes nicht.

Einen wunderschönen Sonntag uns allen noch,

egal, wo wir jetzt sind und was wir tun.

Auf ein gutes HEIM.

Gassho Ellen Daoren

Ein Kommentar

  1. Hallo Ellen, wir haben gerade den Sonntagsblock gelesen und alle Bilder gesehen. Vielen Dank dafür. Es grüßt euch herzlich Inge und Reinhard. Bis Montag Abend.

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