Alles sitzt

Sonntags-Blog „Alles sitzt“, 24. April 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

die letzten Tage haben uns mit einem wunderschönen Frühling beschenkt. Die Kirschbäume blühen. Die Tulpen, Narzissen lösten die Winterlinge ab. Im Wald schenken uns die Buschwindröschen einen weißen Teppich. Klares Wasser fließt durch die Itz.

Forest voller Anemonen - Lizenzfrei Buschwindröschen Stock-Foto
Buschwindröschen.

Alles erwartet nun den Regen, der alles zum Keimen, Wachsen, Gedeihen bringt, so dass eine Kirsche wachsen kann, ein Samen aufgeht und Salat im Beet gedeiht, die neu gepflanzten Blumen angehen.

Alles, welch ein großes Wort. Können wir wirklich mit nur einer Faser unseres Seins dieses Alles begreifen, umgreifen, erfahren? Unsere gesamte Vorstellungskraft wird immer wieder dem Hindernis begegnen, etwas von dem „Alles“ zu vergessen, zu übersehen oder weil wir es gar nicht kennen und wissen, kommt es niemals in unsere Vorstellungswelt.

Wal, Wolken, Sprung, Buckelwal, Finnwal, Springen
Wasser. Wolken. Ein Tier. Himmel. Masse. Luft. Alles?

Als wir jetzt zu Ostern Sesshin saßen, übten wir in diesem riesigen Experimentierfeld „Sesshin“ dieses „Alles sitzt“. Was ist es also, was unsere Vorstellungskraft sprengt? Was ist es, was wir erfahren, wenn wir in diesem ruhigen Raum, in dem alles geregelt und geordnet ist? Was ist es, wenn wir uns „um nichts“ kümmern müssen, sondern unsere einzige Aufgabe darin besteht, einfach alles sitzen zu lassen?

Allein, wenn wir nur unseren Körper und Geist betrachten, was ist da „Alles“? Und dann sitzt jetzt auch noch alles. Alles hat seinen Ort, nichts ist mehr falsch oder richtig. Alles sitzt. Es ist so wie es ist bereits perfekt. Das ist Buddha, sagt Dogen.

Altar Zenhof Rödental e.V.
Das ist ein Ausdruck des Buddha.

Es gibt nichts zu tun. Einfach alles sitzen lassen. Nichts tun. Mitten in diesem „alles sitzt“ taucht eine Sternschnuppe auf, deshalb bevorzugen wir das Schwarze, weil wir sie dann leuchten sehen. Doch, wir wissen, selbst, wenn der Himmel ideal ist, eine wirklich dunkle Nacht ist, sehen wir dennoch oftmals die Sternschnuppen nicht. Wir schauen in die verkehrte Richtung. Wir schließen genau in dem Moment die Augen. Wir gehen kurz zur Toilette. Wir reden mit dem neben uns liegenden Partner oder Freund und verpassen den Augenblick. Schon ist die Sternschnuppe gefallen. Vorbei. Doch, der Nächste kommt. Und die Nächste kommt. Wir schauen wieder mit offenen Augen in den dunklen Himmel und dann kommt sie die Sternschnuppe, die wir sehen. Manchmal ist sie ganz klein, manchmal ist sie ganz groß.

Sternenhimmel, Sterne, Berge, Langzeitbelichtung
Wie lange schauen wir bis wir eine Einzige sehen?

So ist es im Sesshin. Wir halten die Augen, Ohren, Mund, Nase, Haut und Geist so weit wie es eben geht auf und auf jede mögliche Art und Weise kann es gelingen, dass wir eine Sternschnuppe sehen. Das sind die Momente, die uns bereichern, beschenken, unseren eigenen Freiraum vergrößern. Es sind Augenblicke, die alt Hergebrachtes auflösen, die einen anderen Menschen auferstehen lassen. Das ist Sesshin. Die Entdeckung eines Selbst, das Moment für Moment die Chance erhält, sich selbst zu vergrößern und Freiraum zu schenken.

Mit diesem vergrößerten Freiraum entsteht ein Möglichkeitsraum, dem es gelingt, Alltagsproblematiken, schwierigen Situationen und auch freudigen Geschehen mehr Gestaltungsspielraum zu schenken. Es gibt nicht nur diese eine Perspektive, diese eine Lösung, sondern Viele. Viele lernen wir sehen, wenn wir ganz still sind und einfach alles sitzen lassen, denn dann können wir unsere eigene Größe entdecken, die wiederum eine Größe des Lebens in uns, mit uns, durch uns zulässt. So steht der Bodhisattva Avalokitesvara auf. Der Mensch, der wach ist für sich und für alle, so dass „Alles sitzt“, einfach passt, was alle zufrieden und glücklich macht.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass „Alles sitzt“, so dass der menschliche Geist eintauchen kann in das, was wir Frieden nennen.

Ein herzliches Gassho

Ellen Daoren

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