Vorher und Nachher

Sonntags-Blog „Vorher und Nachher“, 26. Juni 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

Jetzt ist Hochsommer. Wir merken es. Die Wärme hüllt uns ein. Jetzt ist beginnende Erntezeit. Wir entleerten den Kirschbaum. Der Frühling, wo und wann war er? War es gestern? Oder vielleicht noch heute Morgen? Wenn wir einen bestimmten Punkt setzen, dann sprechen wir von diesem Punkt aus von einem Vorher und Nachher. Einen solchen Punkt setzen wir auch, wenn wir Zazen praktizieren. Betrachten wir ein „vorher“ und ein „nachher“ beim Zazen, wo sind wir dann?

Shunryu Suzuki Roshi by Scott Cox.

Shunryu sagt: ‚Lasst die Vorder-und die Hintertür in Zazen offen stehen. Lasst die Gedanken kommen und gehen. Ladet sie nur einfach nicht zum Tee ein.‘“ (Chadwick 2000, S. 285)

Da ist also so etwas wie ein Vorher und Nachher. Und dazu gehört im Zazen das sich zurechtsetzen. Wir beugen uns vielleicht nach vorne oder zur Seite. Wir bücken uns besonders tief, wenn wir uns verbeugen, um den Rücken noch einmal zu dehnen. Wir rotieren kurz mit dem Oberkörper, so, dass wir wirklich die Mitte finden. Wir bewegen noch einmal den Kopf nach links oder rechts. All dies sind nicht einfach nur vorbereitende Übungen. Dies ist bereits Zazen. Jeden Augenblick davon kann uns die Einheit von Körper und Geist empfinden lassen.

Mir ist einmal im Sesshin meine Augenstellung aufgefallen. Und genau diese Ausrichtung der Augenstellung hat mir die Einheit geschenkt. Also, wenn ihr das Empfinden habt, ihr möchtet vor dem Sitzen noch ein Vorher mitpraktizieren, dann tut dies.

Daher gibt es ja die Regel, fünf Minuten vor dem Sitzen im Zendo zu sein. In aller Ruhe sich in der Haltung einfinden und ankommen. Ein Jeder von Euch kann sich dort selber finden. Ich möchte hier nicht wie einige Meister vorschreiben, was ihr tun sollt. Da ein jeder von euch einen anderen Körper und Geist hat, ist bei jedem von euch ein Vorher und Nachher, das fruchtbar sein soll, einfach anders. Nehmt euch die Zeit und findet es heraus.

Tassajara Zen-Center 1967

So ist es auch mit dem Nachher. Manche von uns strecken die Arme nach oben aus. Manche wenden den Kopf, ziehen die Schultern runter, machen einen Rundrücken beim Aufstehen. Es gibt viele Möglichkeiten von der absoluten Ruhe in die Bewegung des Alltags zu finden. Ich verbeuge mich immer noch einmal am Platz, setze mit Gassho Bewegung meine Brille auf. Lege meine Tücher an die Seite. All dies ist ein Nachher. Es ist eine Möglichkeit in diesem Ritual die Einheit zu entdecken.

Vorher und Nachher in der Zazen-Praxis zu zelebrieren, ist auch ein Erforschen seines eigenen Geistes und seines eigenen Bewegungsraumes. Wie mache ich das? Wie viel Zeit nehme ich mir dafür? Bin ich hastig oder geordnet? Sind es kleine feine oder eher grobe Bewegungen? Wie beginne ich und wie höre ich auf? Hier kann jeder nicht nur seine eigene körperlich-geistige Aktivität beobachten, sondern an diesem Vorher und Nachher könnt ihr eure Praxis ablesen. Es ist wie ein Barometer. Oh, heute habe ich das vergessen. Oh, das brauche ich nicht mehr. Oh, das war heute besonders schön.

Vor dem Tor und hinter dem Tor? Sind wir im Jetzt, wo sind wir dann?

All diese Feinheiten zu bemerken und ihr seid mit diesen kleinen Vorhers und Nachhers schon mittendrin. Nehmen wir den Gedanken der Ungetrenntheit in seiner Praxis wahr, wie kann dann Vorher und Nachher nicht dazu gehören?

Daher sagt Dogen ganz klar: „Dogen teaches that this practice, called zazen, is not merely a method by which one reaches awakening, but is itself awakening.“ (Dōgen und Tanahashi 2000, S. 12)

Und er schließt weiter an: „Obwohl Ursachen Wirkungen hervorrufen, ist dies nicht [eine Sache] des Vorher und Nachher, weil es sich grundsätzlich so verhält, dass [der Augenblick] davor und [der Augenblick] danach im Gleichgewicht sind.“  (Dōgen Zenji 2013, S. 128)

Wir sind also immer bereits schon mit dem Tun eines Vorher und dem Tun eines Nachher im Gleichgewicht. Wir sind bereits da. Es gibt daher kein „Vorher und Nachher“. Der Augenblick des Tuns, egal, wo und wie ihr euch in dem Vorher und Nachher findet, dieser Augenblick ist schon vollkommen. Das Einzige, was wir nicht begreifen, ist dies in seiner Vollständigkeit zu erfahren. Manchmal bemerken wir kleine AHAs, manchmal Große und wenn alle AHAs keine mehr sind, dann sind wir vollständig angekommen.

Und Danach und Davor wird es einen Gedanken und ein Tun geben, das nicht vollständig ist, so machen wir den Raum des Vollständigen erst erkennbar. Dieser Raum ist erst erkennbar, wenn seine Erfahrung ins Unvollständig zurückkehrt oder hineinkehrt. Da ist es wieder das Vorher und Nachher, denn es entsteht, wenn wir die Vollständigkeit verlassen. Wir können unsere Konzentration einfach nicht so lange aufrechterhalten. Aber diese kleinen Augenblicke eines AHA, einer plötzlichen Zufriedenheit, eines auftauchenden Gefühls von umfassendem Glück, die wir uns schenken, sind diese nicht genug Grund, Zazen zu praktizieren?

Ich freue mich darauf, dies noch eine Zeitlang mit Euch zu tun.

Einen wunderbaren Sommertag

Ellen Daoren

Literaturverzeichnis

Chadwick, David (2000): Shunryu Suzuki oder die Kunst, ein Zen-Meister zu werden. Leben und Lehren des Mannes, der Zen in den Westen brachte. 1. Aufl. Bern: Barth.

Dōgen; Tanahashi, Kazuaki (Hg.) (2000): Moon in a Dewdrop. 9. ed. New York: North Point Press.

Dōgen Zenji (2013): Shōbōgenzō. 4 Bände. Heidelberg-Leimen: Kristkeitz (Band I).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google