Ver-bind-lichkeit

Sonntags-Blog „Verbindlichkeit“, 18. Juli 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

heute kommt ein Sonntags-Blog, der ein Montags-Blog wird. Als ich gestern Nachmittag nach dem philosophischen Seminar in Fulda bei Christoph Quarch nach Hause kam, war ich so angefüllt, dass ich mich schreibend noch nicht äußern konnte.

Es gibt noch mehr zu lesen von Christoph Quarch!

Dennoch hat mich letzte Woche etwas getroffen. Wir hatten letzte Woche Donnerstag Zen und Theorie und zum ersten Mal, seitdem es im Angebot ist, musste es entfallen, weil alle bis auf eine absagten. Mich stimmte dies traurig. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hing das Wort „Verbindlichkeit“ im Raum. Alle, die mich jetzt schon länger kennen, wissen, jetzt schlägt sie das Wort im Wortherkunftslexikon nach. Genau das tat ich.

Shiva sprach zu Devi: „Stelle dir den Geist gleichzeitig in dir und um dich herum vor, bis das ganze Universum sich vergeistigt.“ Das war das Thema von Zen und Theorie.

Wo kommt Verbindlichkeit her? Was sagt es in seiner Grundbedeutung aus? Dass es etwas mit einem Band und binden zu tun hat, ist uns allen sofort offensichtlich. Dass es in unserem Sprachgebrauch oft auch mit Verbindlichkeiten im Zusammenhang von Geldmitteln zu tun hat, kennen wir auch, aber da ist noch etwas Anderes.

Ja, es gibt die Verbindlichkeit im Finanzsystem, wenn wir zum Beispiel, Geld geliehen haben und es wieder zurückzahlen müssen. Aber, es gibt auch eine charakterliche Verbindlichkeit sagt das Lexikon. Was heißt das und was hat das mit Zen, mit Zen und Theorie, mit uns und der Welt zu tun?

Ein Körper-Band

Als charakterliche Verbindlichkeit wird definiert, dass man sich verpflichtet etwas zu erfüllen, zum Beispiel, sich an das Grundgesetz und an Menschenrechte zu halten. Des Weiteren wird es als „Freundlichkeit, Höflichkeit“ definiert. Das weitere Hineinsteigen in das synonym gebrauchte Wort Freundlichkeit bringt den Freund, den Vertrauten, den innerlich verbundenen Menschen ins Spiel. Da taucht das Wort binden auf. Wir sind verbunden. Etwas verbindet uns. Etwas Gebundenes ist etwas Verknüpftes, etwas Umwundenes, etwas Zusammengefügtes.

Kann die Meditations-Praxis unser Freund sein?

In unserer Zen-Praxis erfahren und erleben wir dieses Zusammengefügte, dieses Verknüpfte immer wieder neu. Wir sitzen auf dem Kissen und erleben hautnah und eng, das Zusammengefügte unseres Körpers und Geistes. Körper und Geist sind so eng verbunden, verknüpft, dass sie zueinander verbindlich geboren sind. Körper und Geist können niemals unverbindlich sein, selbst in Krankheit nicht. Sie sind Verknüpfte.

Wer Ohren hat, der höre. Wer Augen hat, der sehe. Wann ist unser Körper uns Freund? Wann ist unser Geist uns Freund? Welche Verbindlichkeit gehen wir mit unserem Körper-Geist-Raum ein?

Wenn wir einen Verein gründen und beitreten, knüpfen wir ein Band.

Was bedeutet das? Es wird ein Band geknüpft, dass uns Freund ist. Ein Freund, der immer zugegen ist, nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten. Wir können uns auf dieses Kissen als ein Freund setzen in guten und schlechten Zeiten. Dieser Freund ist immer bereit für uns. Er sagt nicht, jetzt nicht oder später. Dieser Freund ist immer fertig für uns. Er lässt sogar, wenn wir ganz stillhalten und zuhören, Antworten entstehen, die Schlüssel für unser Leben sein können.

Die Matte ein Freund? Ein verbindlicher Freund?

Daher war ich letzten Donnerstag so traurig. Ja, auch mein Leben kennt Termine. Ja, auch mein Leben kennt Absprachen. Ja, auch mein Leben kennt Widernisse, die es tatsächlich verhindern am Ort zu sein nach verbindlicher Absprache. Alles ist möglich.

Dennoch ist da etwas, dass wir Entscheidungen nennen. Die Entscheidungen treffen in den meisten Fällen wir. Da ist niemand anderes. Wir haben einen verbindlichen Termin, der heißt Meditation, der Raum, den wir verbindlich als Begegnung unter Freunden, mit Freunden und durch Freunde betreten. Ein Freund, der uns stets empfängt. Es ist ein Raum, der offen ist. Es ist ein Raum, der sein Band frei lässt, so dass es jeder ergreifen kann. Es ist das Band, das nicht festbindet, sondern frei bindet.

Es bindet in Freiheit, weil der Zen-Praxis-Raum, Körper-Geist-Raum ist, dem nichts unterbunden ist, sondern stets frei und freundlich zu uns kommt. Alles, was dann geschieht, geschieht durch unser Tun, sowohl im Geist wie mit dem Körper.  Wer oder was setzt eine Fessel?

Der Körper geht Schritte genau hierher zum Zenhof. Der Geist hält diese Schritte frei. Da ist nichts Anderes. Ein Geist, der sich freundschaftlich in aller verbindlichen Freiheit verbunden fühlt und den Raum freihält, dieses Freund-Sein leben zu können. Welche Würdigkeit schenken wir diesem Freund? Wann legen wir ihn einfach zur Seite? Was hat für uns Wert?

Freundschaft, Freundlichkeit, Verbindlichkeit.

Wenn nur einer das Band hält, hängt es herunter, wird von Wind und Wetter hin und her geschlagen und fällt schließlich reißend herab. Wird das Band von uns allen verbunden getragen, dann bleibt es aufrecht und kein Sturm bringt es zum Bersten. Alle wirken am Erhalt dieses Bandes mit.

Daher eine Bitte an uns alle. Überprüft den Termin, ob es genau der sein muss, der Unsere Verbindlichkeit trägt? Überprüft den Wunsch der in Euch siegt auf eine Verbindlichkeit/Freundschaft wem gegenüber? Überprüft die Absicht Eures verbindlichen Tuns im Alltag? Wo lasst ihr die Verbindlichkeit, das freundschaftliche Band los und wo haltet ihr es? Welche Gewichtung hat die Verbindlichkeit in unser aller Leben? Existiert sie für uns überhaupt? Was ist für uns Verbindlichkeit? Auch dies ist meditative Praxis!

Wann heißt es Ja? Wann heißt es Nein? Wo legen wir unsere Verpflichtung hin? Wem verpflichten wir uns? Was verpflichtet uns wohin?

Mich persönlich als Zenlehrerin, als einfacher Mensch, als weise Philosophin, als Zenhoflerin freue mich, wenn die Verbindlichkeit als Band der Freundschaft in uns alle lebt. Deutlich sichtbar bei der Vollversammlung und beim Sommerfest. Auch wenn das Angebot der Welt so großartig scheint, dass es die Verbindlichkeit/die Freundschaft/den Freund des Sitzens eintauscht. Doch, gegen was eigentlich?

Und, welches Angebot ist das Größte auf dieser Welt? Die Antwort müsstet ihr alle kennen. Das größte Angebot sind wir selbst, genau hier, ganz genau hier. Denn, was ist größer als unser Körper-Geist-Raum, deren Erforschung eine Unvollendete ist, mit stets neuen Überraschungen, Wundern, Zaubern und dem Gelingen eines friedvollen Seins?

Friedvolles Sein.

In diesem Sinne freue ich mich, wenn viele am Sonntag zu Zen-Intensiv kommen. Ich habe vom philosophischen Seminar eine weise Erkenntnis zu unserer Praxis mitgebracht, von der ich euch gerne erzähle. Außerdem findet wie immer ein Vier-Augen-Gespräch statt für jeden.

Ich freue mich. Ich bin mit Euch verbunden in verbindlich verknüpfter Freundschaft. Herzlichen Dank Euch allen.

Gassho

Ellen Daoren

2 Kommentare

  1. Wertschätzung für alles was ist, für jeden Zustand. Die Welt ist aus den Fugen geraten, etwas durcheinander durch das Einwirken der Menschen. Die Menschen sind etwas durcheinander. Das Sein in jeder Lage wertschätzen für jeden und alle, auf die Weise wie jeder kann, möchte.

    1. Bemerkenswert ist das erste Wort „Wert-schätz-ung“. Auf dem philosphischen Seminar in Fulda bei Christopf Quarch habe ich gerade aktuell erfahren, dass das Wort Wertschätzung in unserem Sprachgebrauch mit der wirtschaftlichen Sprache konform läuft. Ein Waren-wert, wert-voll, be-wert-bar, ver-wert-bar, aus-wert-bar, Schatz=Reichtum, Be-wert-ung. Alles Wörter, die mit Wert zu tun haben und der aristotelischen Logik entsprechen. Es gibt ein Material (auch Menschliches), eine Form oder Gestalt, einen Nutzen und eine Fertig-stellung. Meine eigene Recherche ergab, dass dieses Wort seit dem Jahr 2000 in unserer Welt existiert, vorher gab es dieses im Sprachgebrauch nicht. Gleichzeitig mit dem Anstieg dieses Wortes sank die Verwendung des Wortes „Würde“. Würde und würdig steht jedoch für Achtung haben und ist es nicht genau das, was wir im Zazen üben? Achtung vor dem Atemzug. Achtung vor unserer Verbeugung. Achtung auf die Silben, die wir sprechen, wenn wir ein Sutra rezitieren. Achtung vor dem Neben uns Sitzenden Mitmeditierenden. Lassen wir die Wert-schätz-ung einmal weg und kehren uns der Würde zu, so schenken wir uns selbst auch wieder Würde und keine Wertschätzung. Den Wert, den wir schätzen, den können wir ablehnen und sagen, diesen Wert wollen wir nicht. Sprechen wir jedoch alle gemeinsam von der Würde der Zazen-Praxis, dann schenken und beschenken wir uns wieder mit einer Würde. Also lasst uns im Sinne einer ver-bindenden Praxis unsere Würde hochhalten. Danke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google