Nähe und Distanz

Sonntags-Blog „Nähe und Distanz“, 6. November 2021

Liebe ZenhoflerInnen,

die letzten ein dreiviertel Jahr sind geprägt von einem Wort, das „Distanz“ heißt. Heute ging ich spazieren. Dabei fiel mir etwas auf.

Ein typischer November Herbsttag in deutschen Landen. Die Römer haben es vor vielen 100 Jahren kaum für möglich gehalten, dass Menschen in so einem Klima leben können. Feucht, nass, kalt.

Für uns ist es bekannt. Jetzt fallen die Blätter zu Hauf. Sie liegen auf den Wegen, verzieren die Felder und Wiesen. Manche von uns beginnen sie in allen Farben zu Dekorationszwecken zu sammeln. Sie werden zusammengekehrt auf einem Haufen.

Dabei schaute ich einmal genauer hin, als ich auf einem Geländer an einer Treppe zwei von diesen heruntergefallenen Blättern in liebevoller Umarmung liegen sah. Was geschieht hier gerade vor unseren Augen?

Die Blätter halten keine Distanz ein. Sie liegen übereinander, nebeneinander, aufeinander. Sie sind sich so nah, dass wir staunen könnten, dass sie es so nah beieinander aushalten. Vor allem sind es ja nicht immer dieselbe Sorte Blätter. Auch diese sind bunt gemischt.

Da kommt ein Buchenblatt mit einem Ahornblatt zusammen. Dennoch liegen sie ganz nah beieinander. Jetzt könnten wir sagen, Blätter fühlen nichts. Sie sind keine fühlenden Wesen. Ich antworte nur, dass wir das nicht wissen können. Liest man das Buch von Daniel Chamovitz, Was Pflanzen wissen, dann können wir Staunen lernen, denn sie wissen ungeheuer viel.

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Pflanzen merken es, wenn sie angefasst werden. (S.92)

Doch, schauen wir jetzt noch einmal ganz genau hin. Blätter auf Blätter. Nah ganz nah. Was passiert durch diese Nähe? Sie verbinden sich nicht, sondern sie fallen in sich zusammen und bilden neue Erde, die das neue Blütenmeer im nächsten Frühjahr erzeugt.

Wenn wir Menschen unsere Nähe leben, ist dies auch so fruchtbar und bereichernd wie bei den Blättern der Pflanzen?

Was wäre, wenn die Pflanzen und Blätter Distanz einhalten würden?

Was wäre, wenn Tiere Distanz halten würden?

Was wäre, wenn die Erde zur Sonne in Distanz gehen würde?

Wären wir nicht ziemlich verloren?

Durch die Nähe des Menschen entsteht die Geburt eines Kindes. Durch die Nähe zu einem Sterbenden, kann dieser friedlich gehen. Durch die Nähe zu einem Kranken, hat dieser stärkeren Lebenswillen. Durch die Nähe von Freunden lernen Kinder in der Schule. Durch die Nähe entsteht Auseinandersetzung und Liebe, sowie Hass und Unlust. Nähe ist ein Lern-und Übungsfeld für die Menschheit.

Lassen wir uns unser menschliches Nähe-Feld nicht nehmen. Es ist die Basis jeglichen Seins. Wären die Bakterien nicht in unserem Darm könnten wir nicht gesund leben. Wären die Bakterien, Viren, Würmer und Co nicht in der Erde, der Luft und dem Wasser könnten wir nicht leben.

„Wir sehen sie nicht – aber Mikroorganismen sind überall. Ein Kubikzentimeter Erde enthält etwa eine Milliarde Bakterien, ein Teelöffel Wasser aus einem See eine Million, ein Kubikmeter Luft etwa 1.000 Keime.“

Der Atem beatmet nicht nur den Körper. Täte er dies nicht, könnten wir unseren Geist nicht beobachten wie er mit uns spielt. Der Atem ist das uns Nächste. Er ist der, den wir im Zazen studieren. Dabei lernen wir uns auf eine ungewöhnliche Art kennen. Die Stille des bewegungslosen Sitzens zeigt uns den Atem direkt, der tagsüber so unbekannt untergetaucht ist, obwohl er der ist, der alles am Leben hält. Hier im Zazen können wir ihn sehen und kennen lernen. Seine Nähe zu uns, mit der er uns liebevoll zeigt: ich bin bei euch. Ich unterstütze euch. Ich halte euch. Ich trage euch. Ich stehe euch bei. Er ist unser stiller lautloser distanzloser Lebensspender.

Junger hübscher Läufer mit Kopfhörern draußen in der Herbstnatur - Lizenzfrei Männer Stock-Foto
Atmen. Er regelt es ganz von allein, was wir gerade brauchen. Vertrauen.

In seiner Nähe sind wir gesund und genährt. Krankheit im Vertrauen auf seine Stärke lässt gesunden. Wächst ein Schmerz und wir kehren zum Atem zurück, egal wie dieser aussieht und wo er ist, wie groß oder klein, er zeigt uns, was Neuanfang und Hoffnung ist. Er ist der immerwährende Anker.

So wünsche ich uns allen einen Atem, der mit uns übereinander, nebeneinander, ineinander, durcheinander atmet. Auf dass er uns immer zeige, dass Nähe Vertrauen heißt und für menschliche Menschlichkeit steht.

Uns allen einen schönen friedlichen uns nahen Sonntag.

Gassho Ellen

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