„Gebet für die geheimnisvolle Kraft eines Friedens in sich und der Welt“

Sonntags-Blog, 16. Januar 2022

Liebe ZenhoflerInnen,

wenn uns auch ein grauer Sonntag begrüßt, so bedeutet dies nicht, dass es in uns grau sein muss. Auch könnten wir den Augenblick verpassen, der, wenn auch manchmal nur kurz das Licht der Sonne scheinen lässt und unser Herz erwärmt. Also seid wach-sam.

Dōgen Zenji hat einmal ein Gedicht geschrieben, das lautet:

„Die Wellen des Ozeans krachen wie Donner unter der Klippe.
Ich spitze die Ohren und sehe das Gesicht von Kanjizai.
Wenn dies aufrechterhalten wird, wer könnte den Ozean der Verdienste bemessen?
Wende einfach deinen Blick um und sieh die blauen Berge.“

Obwohl die Wellen so stark gegen die Klippen donnern, dass es erschreckend ist, möchte er die Ohren spitzen und das Gesicht von Kanjizai = Bodhisattva des unbegrenzten Mitgefühls sehen. Wenn es uns gelingt jeden Augenblick „den Klang der Welt zu sehen“, dann fallen wir aus den Bewertungen raus und sehen und nehmen die Dinge so wie sie sind. Dies ist sowohl ein klares Nein wie ein klares Ja. Wichtig ist in allem die Klarheit. Da nichts existiert ohne Ursache und Wirkung, ist die klare Entscheidung ohne Zweifel, die Entscheidung, die uns die Klarheit zuträgt und erhält.

Den Blick wenden, ist das Erkennen der jeweils anderen Seite. Ich brauche mich keiner zuordnen, denn jeden Moment entsteht eine neue Zuordnung und Ordnung. Der Wechsel der Momente geschieht so schnell, dass wir sie eben daher oftmals über-sehen, nicht erkennen. Und wenn wir sie dann erkennen, kommen die Zweifel an unserer Kraft, an unseren Fähigkeiten, an der Entscheidung überhaupt. Doch, sind wir beweglich wie ein Halm im Wind, wenden den Blick und schauen aus nach den „blauen Bergen“, erhalten wir Halt, Kraft, Mut, Ausdauer, Freude und Frieden. Für die Spur dieses Blicks in die „blauen Berge“, die so klar und rein sind wie der blaue Himmel, eben ohne Unterschied, gibt es das Hilfsangebot des Bodhisattvas des unbegrenzten Mitgefühls. Er sagt einfach: Haltet euer Herz offen, euren Verstand sauber, eure Hände frei, gebt die Belegungen frei, dann gelingt uns allen die Spur des Friedens zu sehen. Wie geht das?

Wenn wir bei Zen-Intensiv oder im Sesshin das Sūtra „Enmei jukku kannon gyo“ sprechen, dass mit Kan ze on beginnt, dann erinnert dies genau daran. Kan ze on ist das Sehen der Klänge der Welt. Wir sehen den anrollenden Donner. Wir hören das Krachen und Bersten an den Klippen. Wir spüren die Gänsehaut. Doch im Vertrauen auf Kanjizai, auf Kanzeon bosatsu, auf den Bodhisattva des unbegrenzten Mitgefühls wissen wir, es geschieht nichts weder hier noch dort.

In der Ruhe dieses Gedankens gebet-tet, bleiben wir aufrecht und ehrlich zu uns und der Welt. Bleiben unsere Gedanken in diesem Frieden gebet-tet, gelingt uns das, wovon Dōgen sagt, den Blick wenden und den Bodhisattva Avalokitesvara sehen und hören. Dann verlieren wir keine Aufrichtung und auch nicht den Blick für das Leiden aller Wesen.

Daher betten wir uns ein in den Gedanken eines Gebetes:

„Die Wellen des Ozeans krachen wie Donner unter der Klippe.
Ich spitze die Ohren und sehe das Gesicht von Kanjizai.
Wenn dies aufrechterhalten wird, wer könnte den Ozean der Verdienste bemessen?
Wende einfach deinen Blick um und sieh die blauen Berge.“

Jeden Augenblick, wo unser Geist abschweift und davonläuft, führen wir ihn wieder zurück zu diesem eingebet-tet sein wie im Zazen zu unserem Atem. Unsere Gedanken finden darin nicht nur einen Anker, sondern mit jedem Gedanken, den wir setzen, entscheiden wir uns für Klarheit oder Verwickelt-sein.

Wenn wir das ENMEI JUKKU KANNON GYO sprechen

KAN ZE ON NA MU BUTSU YO BUTSU U IN
YO BUTSU U EN BUP PO SO EN JO RAKU GA
JO CHO NEN KAN ZE ON BO NEN KAN ZE ON
NEN NEN JU SHIN KI NEN FU RI SHIN,

das Sūtra für ein langes Leben, bleibt unser Geist bei der Ungetrenntheit der Dinge, d.h. wir erinnern uns an das Ein-gebet-tet sein mit der Unterstützung des Bodhisattva des unbegrenzten Mitgefühls. Wir sprechen vom Glück, das zeitlos ist und von der Freiheit vom Selbst. Und damit wir dies immer wieder uns Erinnerung rufen, haben wir es morgens und abends auf den Lippen.

Dann hat kein anderer Gedanke die Chance uns zu behindern und Hindernisse aufzubauen, die uns ängstigen könnten. Wir sind wirklich frei. Und in dieser Freiheit setzen wir anderen und uns selbst keinem Leid mehr aus, weil kein Gedanke uns verlässt, der mit einem eigenen Maßstab besetzt ist. Wir halten unseren Geist „sauber“, indem wir nach den „blauen Bergen“ uns umschauen. Solange wir dies tun, kann kein Hindernis entstehen, weder für uns noch für andere Wesen.

Diese starke buddhistische Auffassung vom Mitgefühl beginnt nicht mit angeblich guten Taten, sondern sie beginnt ganz nah bei dir selbst. Sie ist dein Innerstes Du, das lebendig wird ohne die bereits bekannten „Mits“. Den Blick wenden und den Bodhisattva des unbegrenzten Mitgefühls sehen lernen, heißt jede Momentaufnahme seines Eigensten mit einem JA zu begegnen und anzunehmen. Erst dann ist es wandelbar und wir können die „blauen Berge“ sehen. Wenden wir unseren Blick nicht um, bleiben wir auf der Wohlfühl-Standard-Spur, die in Konsum-Haltungen ein-gebet-tet ist, die es bei-nah unmöglich machen, die Spur des Wandels zu erkennen, die uns so unglaublich nah begleitet, verlieren wir uns und die Anderen. Es wächst Leid.

Daher bitte ich uns alle, den Blick zu wenden, den Bodhisattva des unbegrenzten Mitgefühls, den Kan ze on bo sa tsu in unser aller Leben einzu-betten, damit unser Geist, unsere Gedanken frei sind von Spuren der gesetzten Maßstäbe, so dass die Spur frei wird, auf der alle Wesen gehen können.

Einen schönen Sonntag uns allen.

Gassho Ellen

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