Über den Fort-schritt

SonntagsBlog „Über den Fort-schritt“, 15. Februar 2025

Liebe ZenhoflerInnen,

in der kommenden Woche ist Donnerstag unsere Mitgliedervollversammlung. Ich sagte in der Einladung, dass wir einen kleinen Rückblick auf fünf Jahre Bestehen des Vereins machen.

Da begegnete mir das Wort „Fortschritt“. Ist ein fünfjähriges Bestehen eines Vereins ein Fortschritt? Ist Zazen in seinem Leben zu integrieren ein Fortschritt? Ist das Beitreten zu einem Verein ein Fortschritt?

Fortschritt führte zu Hochhäusern. Fortschritt führte zu…

Fortschritt oder Rückschritt?

Sind dies nicht eher Rückschritte im Angesicht einer digitalen Welt, in der ein persönlicher berührender Kontakt immer seltener wird? Früher untersuchte ein Arzt mit Berührung. Heute macht dies eine Maschine. Vor hundert Jahren gab es noch keine Waschmaschine, nur wenige Autos fuhren über wacklige Straßen, eine Mutter zog ihr Kind selber groß und die Großväter und Großmütter kannten ihre Aufgabe als Mithüterin in der Kindererziehung. Heute gehen Kinder mit einem Jahr in die Kinderkrippe und die Mutter wieder arbeiten. Oma und Opa arbeiten meist auch noch. In den Familien gibt es oft zwei Autos und werden die Kinder erwachsen, oft noch mehr. Eine Waschmaschine fehlt heute nur noch in wenigen Haushalten und der Arzt wird durch die digitale Abfrage durch eine künstliche Intelligenz ersetzt.

Ist daher Zazen, ein Verein, eine langjährige bestehende Dauer nicht eher etwas total Rückschrittiges?

Fortschritt und Rückschritt zugleich!

Gehen wir einfach einmal nur von dem Wort aus. Das Wort „Fortschritt“ und das Wort „Rückschritt“. Das Wort „Fortschritt“, so wie wir es heute verwenden, gibt es erst seit 1830. (Beginn der Industrialisierung)

In den viel früheren Bedeutungen steht es ganz klar für das Schreiten und das „fort“ für weiter, für vorwärts. Und da sind wir schon wieder einmal bei dem „weiter“ angekommen. Schreiten steht für eine langsame bedächtige Bewegung, einem feierlichen Beginn. (z.B. Der Gang zum Traualtar.) Im 8.Jhd. steht Schreiten auch für sich aufschwingen und steigen. Und das Wort „Rückschritt“ steht doch in seiner eigentlichen Bedeutung, wie wir es schon einmal hatten, zurück zum Rücken, zum Ausgangspunkt zurück.

Nehmen wir den Fortschritt und den Rückschritt in diesen grundsätzlichen Bedeutungen, so lässt sich einfach sagen, Zazen ist Beides und ist das nicht wunderbar?

Fortschritt und Rückschritt zugleich – ein unmögliches Wunder?

Wir schreiten feierlich in unserem eigenen Werden voran und während wir das tun, schreiten wir zu unserer Wurzel, zu unserem Rücken zurück. Welch ein Geschenk ist dies?

Und wenden wir den Fortschritt und den Rückschritt auf die Struktur unseres Vereins an. Dann erkennen wir, dass unser Verein durch das Vereinen, das Gemeinsame (ver-) einen, bei uns ist dies die Stille des Zazen, sowohl voranschreiten als auch zurückschreiten. Es kommen neue MitgliederInnen, die dem Vereinen ein neues Gesicht geben. Es verlassen Menschen den Verein und kehren den Rücken etwas Anderem zu.

Wir beginnen immer wieder neu feierlich die Meditation mit einem gemeinsamen Wort und enden mit einem gemeinsamen Wort. Wir schreiten gemeinsam schweigend sitzend fort, indem wir zum Ausgangspunkt allen Seins zurückkehren. Unserem Atem.

Marco weiß, was der Atem tun kann!

Die Zugleichheit ist wieder da! Hurra!

Und so lässt sich die Frage nur beantworten mit. Ja, wir sind fortschrittlich und rückschrittlich zugleich. Und wieder holt uns Zen ein. Die Zugleichheit ist wieder da. Hurra!

Wir sind eben immer zugleich sowohl das Eine als auch das Andere. Und daher macht es mir so viel Freude, diese Praxis mit Euch zu teilen, denn sie lebt die Zugleichheit, die uns lehren kann, dass dies für alles auf der Welt zutrifft.

Durch das feierliche Fortschreiten und Rückwärtsschreiten in der Praxis des Zazen erfahren wir, dass unser Geist uns gleichzeitig atmen, denken, hören, schmecken, fühlen, hören, sehen lassen kann. Es erhebt sich eine Zugleich-Welt in unsere geistige Welt, die uns ermöglicht, die Ungetrenntheit der Dinge in unserem Sein zu erfahren.

Und wie Shunryu Suzuki sagt: Dafür lohnt es sich. Denn es macht unser aller Leben friedfertiger. Dafür lohnt es sich.

Herzlichen Dank für Euer Dabei-Sein. Herzlichen Dank für Euer Mühe geben. Herzlichen Dank, dass Euch das Vereinen, das gemeinsame Fortschreiten, das gemeinsame Rückschreiten etwas bedeutet, so dass Ihr einfach immer wieder dabei sein wollt. Das ist lebendiges Leben. Und lebendiges Leben ist Lieben, glaubt es mir.

Ich danke Euch allen sehr.

Mit tiefem Gassho

Eure Ellen Daoren

3 Kommentare

  1. Hallo Ellen, da es Marco fleißig teilt, lese ich es auch. Diese Frage zu beantworten, ist nicht leicht. Müsste man sich intensiv damit beschäftigen oder Aug in Aug darüber reden. Passt aber gut zu einer Situation/Gespräch auf Arbeit wo ich hin und her gerissen bin. Mach ich alles neue digitale mit oder bleibe ich stehen und bin damit Rückständig?

  2. Liebe Ellen,

    als ich es gestern gleich im Anschluss an die Mail gelesen habe, fühlte ich mich bestärkt, auch Rückschritte gelassen geschehen lassen zu können. Gerade da ich jetzt die positive Bedeutung dazu kenne, sich wieder dem Rücken und der Wurzel anzunähern. Was für ein schönes Bild.
    Danke für diese Bereicherung!

    Ganz herzliche Grüße, Andreas. 🙏🏻☺️

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