Zuneigung

SonntagsBlog „Zuneigung“, 31. August 2025

Liebe ZenhoflerInnen,

ein großer Regen verwandelte den Sommer in den Herbst. Blätter fallen. Äpfel, Birnen, Pflaumen fallen vom Regen getroffen auf die Erde. Neue Nahrung.

Wem neigen wir uns wirklich noch zu?

Die Apfelbäume hängen dieses Jahr so voll, dass sich die Äste zur Erde neigen. Wem neigen wir uns noch wirklich zu?

Was ist es „sich jemanden zu zuneigen“? Beim Oryoki gibt es einen Moment, wo wir uns immer einander zuneigen. Es ist der Moment, wo die Topfdeckel weitergereicht werden und auch der Moment, wo die Wasserschüssel oder Teekessel weiter durchgereicht werden. Kurze Momente der Zuneigung.

Hier ist die Zuwendung im handwerklichen Tun.

Zuneigung ist lernbar?

Wenn wir mit einem Menschen reden, lasst uns dabei beobachten, wo wir uns zuneigen und wo wir uns eher wegwenden. Was tun wir, wenn wir uns einmal bewusst entscheiden, einen Tag lang, allem, was uns begegnet uns ehrlich und wahrhaftig zuzuneigen?

Es fällt uns auf, dass wir dies wahrscheinlich gar nicht so häufig tun, wie wir es vermuten. Die Kassiererin im Supermarkt? Die Blume am Wegrand? Dem Nachbarn, der uns immer beschimpft? Unserem Körper, der uns etwas sagen will durch Krankheit? Unserem Geist, der sich in seinen eigenen Höhlungen verloren hat? Dem Joghurt, den ich gerade esse. Das Glas Wasser, das ich gerade trinke?

Zuneigungen

Wem wenden wir uns offenen Herzens wirklich zu? Wenn wir uns im Zendo verbeugen, beugen wir unseren Rücken und unser Kopf geht mit. Neigt sich hier der Körper und der Geist dem Boden zu? Neigen wir unseren Körper und unseren Geist uns selbst zu? Vor vielen Jahren in der Dharma Sangha Johanneshof erfuhr ich, dass ich mich mir selbst zuwenden. Dies erstaunte mich so sehr, dass mir die Tränen liegen, denn ich neigte mich vor mir selbst. Das bin ich wert. Das darf ich. Das darf sein.

Wem neigen wir uns wirklich zu?

Alles beginnt bei uns selbst. Beginnen wir eine Verbeugung nicht mehr einfach nur als Verbeugung zu bemerken, sondern als eine erste Zuneigung zu sich selbst, beginnt eine neue Reise. Denn die nächste Zuneigung, die wir erfahren können, ist die Zuneigung zu unserem Körper, dem Atem, wenn wir auf dem Kissen sitzen. Wir neigen uns auch unserem eigenen Geist zu, denn wir schauen zu, welche Gedanken er erschafft und wo wir hängen bleiben und wann und wie wir uns davon lösen.

Dem Dessert zugeneigt.

Zuneigen!

Zuneigen bedeutet ganz hier in diesem Augenblick zu sein, denn nur dann kann ich mich wirklich zuneigen. Bin ich zwar mit dem Körper anwesend und verbeuge ihn, aber der Geist folgt dem Geschehen nicht, dann bin ich nicht in echter Zuneigung, sondern dann bin ich verwirrt. Und genau diese Verwirrungen beschreibt das Abend-Sūtra von Blanche Hartmann:  Abends beim Einschlafen gelobe ich mit allen Wesen, die Dinge zu beruhigen und die Verirrungen und Verstrickungen zu beenden.

Zugeneigt sein, bedeutet, sich nicht in selbst aufgestellten Verstrickungen zu verlieren, sondern mutigen Schrittes vorwärts zu gehen, in das, was da auch immer komme.

Immer mitten hinein! Nicht zögern! Nicht nach-denken! Tun! Es geschieht! Das ist alles!

Zuneigung und Liebe?

Es wird so viel von Liebe gesprochen, gesungen, gefühlt, aber wirkliche Zuneigung ist viel mehr als Liebe. Es ist das wirkliche Ohr, das wir dem Anderen zuneigen, das wirkliche Auge, das sehend sich ins Andere neigt, der Körper, der sich geistig in dieses Andere angstfrei hineinbegibt, es ist das bis zur Neige gehen, das völlige Entleeren vom Eigenen. Das ist Zuneigung in der reinsten Form. Wir können dies immer wieder üben. Bei jeder Verbeugung im Zendo. Bei jedem Atemzug. Schenke ich diesem einen Atemzug jetzt meine ganze Zuneigung? Bin ich wirklich bei den Worten meines Kindes, meiner Frau, meiner Freundin, meinem Lebensgefährten, Arbeitskollegen, Garten, Handwerk, Papierkram…?

Wir wissen alle wie schwer das ist. Doch eines steht fest, wie bei allem, was wir üben, es wird immer besser und dann erwacht das Buddha-Herz von ganz allein. Das Buddha-Herz von dem der japanische Philosoph und Zen-Meister Hisamatsu sagt:

„Aber das Herz-Buddha, […], ist nicht das Subjekt des Anderen, Gegenüberstehenden, sondern ein Subjekt, bei dem dieses Andere zugleich mein eigenes Selbst ist.“ (Hisamatsu 1980, S. 43)

So wünsche ich uns allen jetzt die Lichtblicke der echten Zuneigung für uns alle.

Herzlich Ellen Daoren

Literaturverzeichnis

Hisamatsu, Shin’ichi (1980): Die Fülle des Nichts. Vom Wesen d. Zen. Eine systemat. Erl. übers. von Takashi Hirata u. Johanna Fischer. 2. Aufl. Pfullingen: Neske.

Ein Kommentar

  1. Ja – so wollen wir üben!
    Die Zuneigung ……. zum Herz – zur Liebe – zum Schmerz, und allem was da kommt.
    Danke von ganzem Herzen liebe Ellen, für diesen so schönen – und zugeneigten Text!

    In Gassho und Verbundenheit
    Marco 🙏

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