SonntagsBlog „Zugewandtheit“, 06.06.2026
Liebe ZenhoflerInnen,
die Sonne scheint. Der Regen lockte alle Blüten des Sommers hervor. Doch der Sommer selbst fliegt manchmal noch davon. Nächtliche Kälte hält ab vom Sitzen auf der Terrasse und einem Plausch auf der Bank.

Ein schweigender Plausch?
Ein Plausch auf einer Bank kann beredt sein, aber er kann auch schweigend sein. In dem Buch von Torsten Woywod, Mathilda und Marie gibt es viele derartiger schweigender Begegnungen und Zugewandtheiten. Im Zen-Kloster und auch in unserem Zendo erleben wir Zugewandtheit, die schweigend ist und dennoch unglaublich nah.
Zugewandt sind wir im Laufe des Tages unendliche vielen Dingen. Der Blume im Garten. Der Tasse Kaffee in unserer Hand. Der Tastatur am Schreibtisch. Dem Telefonat. Und ganz häufig einem Bildschirm vor unserer Nase. Wichtig oder unwichtig ist nicht bedeutsam. Bedeutsam ist, was der Bildschirm zeigt. Die Zahlen, die wir für unsere Arbeit brauchen. Das neue Kleid, das so toll aussieht. Das Werkzeug, das unbedingt jetzt hermuss, wo kriegen wir es sonst noch her?
Der Bildschirm gibt uns stets die Antwort, mittlerweile durch eine KI. Wie meine Bewerbung für die Firma xy aussehen muss oder die Antwort auf die Examensfragen, die ich dann nur noch auswendig lernen muss.

Was ist Wirklichkeit?
Die gefühlte Nacht-Kälte der Schafskälte in diesem Jahr auf unserer Haut? Der liebevolle Kuss vom Mann an die Frau oder des Vaters zu seinem Kind oder der Mutter zu ihrer Mutter? Die feine Stimmungsschwankung im Blick des Gegenübers? Der seltsame Unterton im Gesagten?
Was ist Wirklichkeit?
Wirklichkeit entsteht in dem Augenblick, in dem wir wirklich ganz und gar zugewandt sind. Nichts lenkt uns mehr ab. Nicht richtig. Nicht falsch. Einfach jetzt diesen Augenblick ganz sein lassen, wie er gerade erscheint, auftaucht. Wir mischen uns nicht ein. Wir vertrauen dieser Wirklichkeit, die wir überhaupt nicht kennen, die jedoch schon immer hier ist. Wir wenden unsere gesamte Aufmerksamkeit, das heißt unsere körperliche Aktivität diesem augenblicklichen Tun zu. Im Zazen dem Atem. Wir wenden unsere ganze komplette Achtsamkeit, das heißt unsere geistige Aktivität vollständig diesem augenblicklichen Entstehen zu. Der Geist ist dieses Atmen, dieses Tun.

Hinwenden. Zuwenden.
Und Zu-wenden enthält noch dieses Andere, die Möglichkeit etwas zu wenden. In der Zugewandtheit steckt der Wandel drin, mittendrin. Und schauen wir einmal nicht mehr nur nach den Bildern auf einem Bildschirm, sondern wenden uns unserer Welt direkt vor unseren Füßen zu, da, wo wir gerade stehen, sitzen, liegen, schlafen, essen, trinken, schmusen…entsteht die wirkliche Zugewandtheit und wir wenden, ohne dass wir uns anstrengen müssten, ganz wie von selbst unsere Ich-Zugewandtheit in eine Wir-Zugewandtheit.
Dazu gehörte zum Beispiel, dass letzte Woche ZenhoflerInnen trotz unserer Unanwesenheit sich zum Zazen zusammenfanden und sich einander zuwendeten und gemeinsam vor den Aufgaben standen, die sonst immer andere machen.
Dabei kam es zu interessanten Wandlungen in unserem Zendo. Hier ist ein Beispiel.

Teilhaben. Lernen wollen. Interesse bekunden. Unbekanntes Neuland entdecken.
Und darin kommt zum Ausdruck, dass wir eine Vorstellung von etwas haben, aber dass wir uns vielleicht noch nicht einmal der Sache zugewandt haben. Zum Beispiel zu sagen: Ellen, kann ich auch einmal Altardienst machen? Ellen, wie reinigt man eigentlich das Aschegefäß und gerne übernehme ich diese Aufgabe, es dann anderen zu zeigen. Ellen, worauf achtest du eigentlich im Zendo? Was ist Dir wichtig? Was mache ich, wenn ich Doan (Zeitwächter) bin? Am Unbekannten lernen wollen, teilhaben, Interesse-dazwischen, dabei sein…?
Die, die im Sesshin waren, wissen dies meistens, denn dann machen alle einmal jedes Amt einen ganzen Tag und sind dafür verantwortlich. Als ich im Johanneshof anfing zu lernen, habe ich auch am meisten in meinem ersten Sesshin gelernt nach zwei Jahren Praxis.
Was ist wirkliche Zugewandtheit?
Zugewandtheit heißt ganz im Augenblick zu sein. Der, der da gerade ist. Kein Umherschweifen. Nicht diesen Knopf drücken und dort noch einmal gucken. Hier genau hier einfach nur das tun.
Eben Zazen sitzen – Moment für Moment – einfach überall – einfach atmen und zuschauen – zuwenden.


Anfängergeist
Nicht möglich? Doch, ist es. Immer wieder neu mit dem berühmten Anfängergeist und mit einem abgelegten Expertentum, das heißt: Ich weiß. Wir sind Experten im Bilder interpretieren und absolute Anfänger im wirklichen Raum. Doch genau dieser wirkliche Raum beinhaltet das, was wir alle suchen.
Zugewandtheit zu uns selbst, zu anderen Wesen und den inneren Frieden, der das heim-liche Glück des Einfachen kennt. Des einen einfachen Atemzuges, der uns hier und jetzt vollständig erfüllt, ohne dass wir uns einmischen, ohne dass wir etwas tun müssten.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine stete Zugewandtheit, die innerlich stets den Wandel bereits kennt. Ich wünsche uns allen, die damit verbundene innere Friedlichkeit. Für alle.

Herzliche Grüße
Ellen Daoren
