SonntagsBlog „Über die Freude“, 11.Januar 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
heute ist ein wunderschöner Tag. Ein Wintertag, der nicht schöner sein könnte. Glitzernde Diamanten schimmern in bunten Farben. Sonnenstrahlen erwärmen und durchleuchten das Sein. Mögen wir diese Vielfalt in uns selbst vervielfältigen.

Über die Freude
In mir kam während unseres Spazierganges plötzlich eine große Freude auf, eine Art freudige Erregung, gepaart mit der Freude über diese neue Gestalt der Landschaft in diesem wunderbar strahlenden Sein.
Und ich stellte mir die Frage nach unserer eigenen Freude über unsere Gestalt. Jedes Kind und Lebewesen, das geboren wird, ist ursprünglich schön. Die Eltern freuen sich über diese neue Gestalt, die eine Welt eröffnet. Gärtner freuen sich über das Wachsen und Gedeihen von Blumen und Sträuchern in ihrem Garten. Der winterliche Baum verwandelt sich mit seiner neuen Gestalt im Frühling in ein Blütenmeer.

Die Veränderung der Gestalt, wo bleibt die Freude?
Doch plötzlich werden wir älter. Die ersten Falten erscheinen im Gesicht. Vielleicht ist das erste Hilfsmittel notwendig. Eine Brille. Ein Hörgerät. Ein Spazierstock. Und plötzlich freuen wir uns nicht mehr über den Wandel unserer Gestalt. Bei einem Kind können wir fast zusehen, wie sich von Tag zu Tag die Gestalt ändert. Plötzlich steht es. Dann kann es laufen. Dann kann es selbstständig essen und trinken. Dann geht es plötzlich mit der ersten Freundin aus. Doch, wenn wir älter werden, scheint sich unsere Gestalt festzubinden. Wir meinen, unsere Gestalt unterliege keinem Wandel mehr. Ganz im Gegenteil wir verhindern sie, wo und wie wir nur können. Wellness und Schönheitsranch. Ablenkung und Bewusstseinserweiterung soll helfen.Wir fahren zur Arbeit. Wir machen Sport. Wir fahren in Urlaub. Wir treffen Freunde. Wir sind traurig oder fühlen uns wohl. Inmitten diesem Geschehen übersehen wir unseren Gestaltwandel. Wir halten fest an dem, was wir doch jetzt schon immer getan haben.
Bitte nichts Andersartiges!
Etwas Fremdartiges, etwas Neues bedürfen wir nicht. Es passt alles so wie es gerade ist. Es ist hervorragend. Was sollte ich ändern wollen? Der wirklich sehenswerte Film „peaceful warrior“, der „friedvolle Krieger“ ist ein Beispiel für dieses menschliche Verhalten. Es ist alles passend. Das gemeinsame Feiern. Die gemeinsame Ausrichtung auf ein Ziel. Die Erfüllung aller Bedürfnisse. „Ich tue, was ich will und das macht mich glücklich!“, heißt es dort so schön.

Die alte und die neue Gestalt
Doch, dann passiert das Fremdartige, das Neue. Die alte Gestalt eines Ichs geht über in eine neue Gestalt. In diesem Film ist es ein Unfall. Oft ist es in unserem Leben ein Todesfall. Eine Krankheit. Und plötzlich ist alles anders als vorher. Plötzlich hören wir auf zu rauchen und schauen zu, was dadurch sich verändert, was jetzt die Räume, die frei werden, füllt. Was für gewohnte Tagesstrukturen verändern sich durch dieses Geschehen?
All diese Dinge, die wir hier im Äußeren zu sehen bekommen, sind Veränderungen und Wandelformen im Inneren. Sie sind schon vor langer Zeit leise in uns eingekehrt und wir haben sie gesehen oder auch nicht, wollen sie jedoch nicht wahrhaben, machen weiter wie bisher. Und dann folgt der Herzinfarkt, dann erfolgt die Trennung/Scheidung, dann erfolgt die Krebserkrankung und und und.
Wir wehren uns. Wir schreien. Das will ich nicht. Das akzeptiere ich nicht. Das ist nicht meines. Warum ich? Ich bin doch unschuldig.
Die Zuneigung verlieren
Schauen wir an dieser Stelle genau hin und das ist Zazen, Zuschauen lernen, Zu-Sehen lernen, was wirklich ist, dann stellen wir fest, dass wir unsere Zuneigung zum Fremden, zum Andersartigen, zum Anderen verloren haben. Wir lehnen das Krankhafte ab, statt es genauso zu lieben, wie es da gerade ist.
Denn es ist „ein Anderer, der ist, was ich selbst bin, ein anderes Ich.“ (Henry 2002, S. 379)

Zazen und die Freude am Wandel der Gestalt
Im Zazen sehen wir Augenblick für Augenblick das Neue, das Fremde, das Andere, denn niemand von uns weiß, was er im nächsten Moment für einen Gedanken denkt, für ein körperliches Empfinden hat, was an Geräuschen gehört wird, was auftaucht. Es ist völlig neu und fremd. Wir weisen dem Atem ein Einatmen und Ausatmen zu, dem Herzschlag einen Rhythmus, denn unsere „Erfahrung lehrt uns, daß ein bestimmtes Ding etwa die und die Eigenschaft hat, aber sie lehrt uns nicht, daß es gar nicht anders sein könnte.“ (Heisenberg 1978, S. 72)
Und genau das ist das Ge-heim-nis von Zazen. Wir lassen die Augen weit auf, wir verweilen nicht in einem wahrgenommenen Empfinden, das, wie wir alle wissen, absolut individuell ist und völlig vorgetäuscht sein kann.
Wir öffnen die Augen, die Ohren, den Geruch, den Geschmack, das Gefühl, das Denken für das ganz und gar Andere. Wir öffnen unsere Sinne für das, was es noch sein könnte, welche vielfältige Möglichkeit sich noch zeigt. Wir machen uns nicht zu, wenn es nicht in unser Empfinden passt, sondern genau dann schauen wir ganz genau hin, nicht auf das Andere, sondern auf uns selbst, denn dort ist es ja schon längst, denn das Andere, bin ja auch ich.

Den Wandel mit Freude erforschen
Also erforsche ich mit Freude die Wandlung der eigenen Gestalt, denn im Annehmen und Hinnehmen mit Zuneigung und Hingewandtheit entsteht in mir selbst eine Neuerung, eine Vergrößerung meiner kleinen inneren Welt. Wie der berühmte Philosoph Husserl in den Cartesianischen Meditationen sagt, gibt es auf die Frage: Was ist das Andere, die Antwort, dass „Der Andere „in gewisser Weise in mir“ ist. Er tritt in meine Erfahrung ein.“
Ich vergleiche nicht das Eine und Meine mit dem Anderen, sondern bemühe mich das Andere zu sein, denn nur so kann ich, den Anteil dieses Anderen in mir selbst entdecken. Es gibt nichts Menschliches, das nicht jeder Mensch hätte, denn wir sind Menschen mit allen Mängeln und allen Schönheiten.

Ein Vergleich verhindert Freude und Wandel
Vergleichen wir Gutes mit Bösem, Mutiges mit Feigem, Schönes mit Hässlichem, heißt dies auch wie der Philosoph Jullien Francois sagt: „»sich nicht von der Stelle zu bewegen: nichts hinter sich zu lassen, folglich sich nicht auf Neues einzulassen.“ (Jullien Francois 2015, S. 21)
Sich auf das Fremdartige einzulassen und mit Freude der neuen Gestalt entgehen, ist sicherlich mit das Schwerste, was wir Menschen leisten können, doch unsere Welt zeigt uns tagtäglich, dass dies leichter ist als gedacht und vor allem als vorgestellt.
Wir setzen uns auf unser Kissen und lauschen dem Fremden, das wir Selbst sind. Wir laufen nicht weg, denn jedes Fremdartige und Ablehnende sind wir bereits seit Geburt selbst.
Was wir leben, sind wir durch das Andere. Ohne das Andere wären wir nicht existent. Was sollten wir also ablehnen?
Zen-Meister Shunryu Suzuki sagt deutlich: „Das Allerwichtigste ist, daß ihr euch des Lebens freuen könnt, ohne euch von den Dingen irreführen zu lassen.“ (Suzuki 2008, S. 52)
und Dōgen sagt: „‚Zazen ist das Dharma-Tor des Friedens und der Freude.‘“ (Dōgen Zenji 2013, 36, Bd. I)
In diesem Sinne lasst uns die Freude am Andersartigen/am Fremden friedlich Augenblick für Augenblick mutig feiern und uns wie kleine Kinder an dem Wandel unserer eigenen Gestalt zugeneigt erfreuen. Auf dass wir alle wachsen und reifen.
Herzlichen Dank
Ellen Daoren
Literaturverzeichnis
Dōgen Zenji (2013): Shōbōgenzō. 4 Bände. Heidelberg-Leimen: Kristkeitz (Band I).
Heisenberg, Werner (1978): Physik und Philosophie. 3.Auflage. Stuttgart: S.Hirtzel Verlag.
Henry, Michel (2002): Inkarnation. Freiburg im Breisgau: Alber.