SonntagsBlog „Schweigen und Erblinden“, 18. Januar 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
mit großen Schritten läuft der Januar mit uns davon. Der Schnee hält sich in kalten Ecken,
aber der Sonne gelingt das Tauen auch recht gut. Die ersten Vogelgesänge erfüllen zart die Luft und wir könnten meinen, der Frühling taucht aus dem Nichts auf.
Doch auch wenn wir meinen, der Frühling dauere noch und der Winter ist noch lange nicht vorüber, was ja auch irgendwie stimmt, so ist auch der Frühling wie der Sommer und der nächste Herbst und Winter auch schon bereits hier.

Natürlichkeit
Unsere Sinnenwelten begrenzen wir auf zeitliche chronologische Abläufe, die jedoch ein menschliches Konstrukt sind. Die Natur und somit wir, die wir ja auch Natur sind, kennen diese chronologischen Zeiten nicht. Wir sind natürlich – immer schon.
In unserer heutigen Welt ist das Auge oftmals überfrachtet. Wir sehen und sehen so wenig wie noch nie, da permanent irgendwo ein Bild aufflammt, dass uns ablenkt. Und haben wir kein äußeres Bild, das unseren Sehsinn reizt, dann sind es innere Bilder, die uns sehend fordern.

Was passiert beim Erblinden?
Doch, was passiert, wenn wir erblinden, einfach einmal tun, als sähen wir nichts? Genau in diesem Moment beginnt das Schweigen. Wenn wir erblinden, erspüren und ertasten wir unsere Welt. Je leiser wir dann sind, je mehr erspüren wir. Die Ohren werden hellhöriger. Die Nase geruchsfreudiger. Der Geschmack feiner. Die Haut empfindlicher. Der Geist angeregter. Der Körper lebendiger. Wir sind mehr genau hier.
Stellen wir uns vor, wir gehen allein blind durch unsere eigenen Räume. Wir erfahren Welten, die wir vorher nie gesehen haben. Plötzlich entfaltet sich unter unseren Händen eine Maserung eines Holzes. Da ist plötzlich ein Geruch von etwas, dass aus der Ecke kommt und wir erfahren: oh, da steht ja die und die Blume. Wir haben sie bisher nie gerochen.
Plötzlich ist da ein Gefühl für den ganzen Raum. Wir erfahren ihn mit unserer Körperlichkeit ganz anders, beinah neu. Und das, obwohl es doch unser Zuhause ist.
Zazen ist blind sein
Wenn wir Zazen sitzen ist dies ebenso. Wir erblinden eine zeitlang. Wir fallen automatisch ins Schweigen, ins Nicht-Reden, denn sonst können wir das, was da völlig neu und fremdartig vor uns auftaucht weder sehen noch hören, noch sonst etwas.
In der Bereitschaft sich diesem Fremdartigen zu öffnen, liegt die Chance der Erweiterung unseres Selbst. Dieses Selbst, das je vielfältiger und feiner es lernt zu sein, sich je mehr dem großen Selbst einfügt. Und da, wo sich unser eigenstes Selbst mit dem großen ganzen situativen Selbst des Augenblicks nahtlos verbindet, entsteht der Frieden und jeder Widerstand, der den Menschen so viel Kraft abfordert, fällt.

Gibt es einen Lohn in der Übung der Meditation Zazen?
Lohnt es sich dafür nicht, Zazen weiter zu üben? Auch dann oder gerade erst recht, wenn das sehende Auge lieber in der Ablenkung des Sehens eintauchen möchte, weiter Bilder guckend, der Körper sich lieben in Wohlklängen einhüllen möchte und sich unter weichen Händen massierend die Welt vom Hals halten will?
Welcher Bereitschaft wir uns öffnen, hängt wirklich von jedem Individuum der Welt selbst ab. Ob Tier, Mensch, Pflanze oder Ding. Jedes Ding für sich.
Es sollte uns klar sein, und das ist erblinden und neu beginnen mit dem Fremdartigem in uns und um uns herum, dass jede Entscheidung von uns, eine Entscheidung für alle ist. Üben wir Zazen, ist diese Praxis ein Beitrag zur Gesunderhaltung nicht nur unseres Körpers und Geistes, sondern tatsächlich dient dies auch der Gesunderhaltung aller Wesen, denn wo ist die Trennungslinie, zwischen Dir und Mir? Zwischen dem Nachbarn und dem Regenwurm? Wo?
Wo ist die Trennung?
Wir sind gelebte Trennung und Zuneigung. Wir sind gelebte Abwehr und Frieden. Wir sind die Entscheidenden selbst. Es gibt niemand anderen, der für uns entscheidet. Wir sind bereit für einen Himmel, der auf die Erde fällt und für eine Erde, die in den Himmel schwebt. Zazen tut beides und das ist sein Geheimnis.
Mögen wir es einfach weiter tun, denn im Erblinden werden wir sehend und im Schweigen werden wir Sprechende. Das ist authentisches Werden und Sein.
Ganz liebe Grüße
Ellen Daoren