SonntagsBlog „Rückblenden sind Einblenden?“, 12. April 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
das Oster-Sesshin stand in diesem Jahr ganz schnell unter dem Motto: „Was ist der Buddha-Tathāgata?“ und „Was ist das Selbst?“ Ein/e jeder/e ging dies auf seine Weise mit der eigenen Problematik an und so entstand eine tiefe Atmosphäre im Raum, die Sven als abendlicher Gast als „feierlich“ beschrieb.

DANKE
Herzlichen Dank an alle TeilnehmerInnen, die diesen SonntagsBlog nun gestalten mit Ihren Rückblenden und damit Einblenden von unsichtbaren Augenblicken in unserem ganz gewöhnlichen All-Tag. Trotz der ungewöhnlichen Schwierigkeiten durch meinen fast Totalausfall wegen Krankheit am Karsamstag war es ein gemeinsames Oster-Sesshin, das deutlich machte, was Gemeinschaft/Sangha ist. Ja, danke.
Rückblenden der Teilnehmenden
Und hier kommt die Rückblende von Tizian Mauder. Eine Art „Werbetext für ein Oster-Sesshin“ wie er es nannte.
„Ostern mit der Familie geht dir so richtig auf die Eier – jedes Jahr das Selbe, die gleichen ollen Gespräche, die du im Prinzip das ganze Jahr über mit ihnen führen könntest. Das alljährliche Anfrieren auf vom Holzwurm zerfressen Kirchenbänken. Das alljährliche Hören derselben Geschichte, die du kennst seit du in der Lage bist Worte und Inhalt zu verstehen.
Du möchtest mal richtig was erleben, was dein Leben wirklich verändern kann? Dann stelle deinen Geist und deinen Körper auf die Probe und mach mit beim Oster-Sesshin. Es erwarten dich spannende Gespräche, viele Emotionen und Möglichkeiten.
Du könntest dich sogar in Essschalen verlieben. Klingt komisch – ist aber möglich. Wie, erfährt du nur hier im Sesshin. Also mach mit und lerne dich selbst dabei besser kennen als du es jemals anders werden könntest. Zu dem bildet sich während der Zeit noch ein unbeschreiblicher Team-Spirit. Mach mit und erlebe ihn. Nur erleben heißt wirklich verstehen.“

Erfahrungs-Rückblende von Stefanie Manshardt
„Kaffee kochen
Was meint der “kluge” Mensch damit Abläufe schneller und „besser“ zu machen? Take away / Kaffe to go, ja das macht den Menschen froh!
Der Aufguss eines Kaffee wie funktioniert dieser ohne Strom und Kaffeevollautomat? Oma´s alte „gammelige“ Kaffeemühle? Haben wir die schon entsorgt? Kaffeefilter und Kaffeefilteraufsatz irgendwo in der Umzugskiste oder schon auf dem Sperrmüll? Braucht ja keiner mehr.
Ein Knopfdruck und der Kaffee ist einfach da, wie Zauberei. Der Genuss dessen ist zwischen Bus und Zug, schnell, heiß und weg. Schnell zubereitet und schnell weg. Oft dann auch noch vergessen und kalt. Keine Arbeit, kein wahrhaftiger Genuss mehr, oder?!
Beim Aufsetzen des Kaffee im Tee- und Kaffeedienst brühe ich Kaffee auf. Erinnerungen an meine Oma sind „jetzt“ da. Sie steht in ihrer kleinen Küche. Aus dem Boiler tropft Wasser. Er pfeift, wenn er fertig ist. Das heiße Wasser vermengt sich in der Kaffeefilterhalterung. Das braune Pulver kommt nach oben und setzt sich an den Rand ab. Der Geruch des Kaffee kommt in meine Nase. Das Plätschern des Kaffees in die Kanne nur hörbar in der Stille. Wisst ihr noch, wie es sich anhört, bis die Kanne voll ist?
Im Gedanken sehe ich meine Oma am Tisch sitzen mit ihrer Familie. Aus der Porzellankanne mit kleinen grünen Blumen dampft der Kaffee, der durch ein Stövchen warmgehalten wird. Diese Wärme, Wertschätzung, Fürsorge und aktives Tun über einen bestimmten Zeitraum ist wieder da. Genau Jetzt!
Eine Frage bleibt am Ende dieses Vorganges hängen: Durch den angeblichen Fortschritt machen wir das Wissen, die Tugenden und Lehren der Vorfahren weg. Was bleibt dann im Jetzt, im Moment? Was ist mit dem eigenen Tun? Was ist mit dem Selbst? (Ist sinnvolles, aktives Tun in der heutigen Welt überhaupt noch nötig, möglich oder sinnvoll?)
Selbst, passe auf dich auf! – Lasse dir dein Tun nicht nehmen! – Lasse dein „Handwerk“ weiter die Welt gestalten und nicht die Maschinen – Du kannst es eventuell verlieren – deine Handlungsfähigkeit deines Selbst! Was bist du dann noch?!“

Rückblick von Jens Hentschel
Der verrückte Geist
Jens Hentschel
Ein Kind
das neu geboren
leer von eigenem Sein.

Einblenden von
All diese Rückblenden sind das Einblenden von möglichen Räumen. Wo ist die Neugierde des kleinen Kindes? Wo ist das Ausprobieren von Neuem und der dazugehörige Mut? Wo ist der Sinn für das Andersartige? Wo ist die Kühnheit, die Unerschrockenheit, die Angstlosigkeit vor dem Ungewöhnlichen? Wo ist die Sehnsucht nach dem Erfahren „Was ist mein eigenes Selbst?“
„Wagemut“
Es heißt nicht umsonst „Wagemut“, einen Mut, der beherzt zur Sache geht, etwas riskiert ohne darüber nachzudenken, welche Gefahren eventuell drohen und die Sache lieber lässt? Wo ist dieser Wagemut geblieben? Nicht wissen, was passiert, wo die Reise hingeht, welche Ereignisse gemeistert werden müssen?
Ganz einfach „TUN“ und „VERTRAUEN“. Wem? Sich selbst, denn dieses fast nicht mehr bekannte Selbst weiß ungefärbt von Emotionen und Denken genau, was es ist und wie es dieses „ist“ lebendig erfahrbar und tatsächlich begreifbar macht. Für sich und für alle.

Das wünsche ich uns nun allen.
Herzlich
Ellen Daoren
