Notausgang

SonntagsBlog „Notausgang“, 4. Januar 2026

Liebe ZenhoflerInnen,

herzlichen Willkommen im neuen Jahr 2026. In seiner Quersumme ist 2026 eine 10. Ein 10 ist eine runde Zahl. Sie steht für die Vollkommenheit, denn unsere Hände haben gemeinsam 10 Finger. Unsere Füße haben zehn Zehen. Vollkommen. Im Yoga spricht man von den 10 Körpern. Unsere Lunge wäre ca. 100 qm groß, also 10×10, wenn wir sie auseinanderklappen würden. Und wir führen wie der anatomische Atlas weitersagt, ca. 10.000 Liter frische Luft täglich unserem Körper zu. Also 10x10x10x10.

Ein vollkommener Augenblick-was ist das?

Das Vollkommene

Wir sind also irgendwie in einem vollkommenen Jahr angekommen. Jetzt kommt es auf uns an, einen jeden von uns, wie es uns gelingt dieses Jahr voll-kommen sein zu lassen. Es seiner Vollkommenheit, die dann die unsrige ist, vollbringen zu lassen. Eine Möglichkeit dazu ist, das, was das Sandokai so schön sagt: „Bilde keine eigenen Maßstäbe!“ Nimm den Moment, der da gerade ist, so wie er ist. Handle so, dass du mit dir im Einklang bist und dennoch dem Moment, diesem einen Augenblick das sein lässt, was er gerade ist, eben ohne „das Meinen, Wollen, Vorstellen, Denken“. Einfach sein!

Einfach sein! Den Augenblick lassen!

Diesen Augenblick nehmen und lassen und sollte er so gar nicht unseren Vorstellungen entsprechen, sich die Frage stellen: Was hat das mit mir zu tun? Was kann ich gerade jetzt hier in diesem Moment von mir über mich lernen? Dōgen sagt: „Ihr müsst ein für alle Male verstehen, dass es in den vielfältigen Tätigkeiten, die ihr ausführt, einen Sinn gibt, den ihr [im Tun selbst] erfahren und erlernen müsst.“ (Dōgen Zenji 2013a, S. 111)

Eine TAT-SACHE

Was zeigt mir dieser Augenblick jetzt ganz genau über mich? Was kann ich begreifen und erfahren, so dass mein menschliches Wesensfeld sich ausweitet und vergrößert? Es geht nicht um ein „Du hast…“ und um ein „Du machst…“ und auch nicht um ein „Du müsstest…“, sondern es geht immer wieder um dieselbe TATSACHE, dass wir genau hier in diesem Moment uns einfügen in ein Gesamtbild.

Wie ist es möglich sich in so ein Gesamtbild, völlig unbekannt und scheinbar undurchdringlich einfach einzufügen und vollkommen ganz zu sein?

Ein Gesamtbild

Erfassen wir dieses Gesamtbild in seiner möglichst großen Bandbreite und achten wir auf die Größe dieses Gesamtbildes ohne uns zu verkleinern oder zu vergrößern, sondern in dem wir uns genau hineinfügen an die Stelle, wo wir wirklich gerade jetzt zu dieser TATSACHE hingehören, dann empfinden wir ein glücklich sein. Fügen wir uns in ein Gesamtbild ein, indem wir denken, so und so ist es jetzt richtig, so und so muss ich jetzt handeln, so und so denke ich richtig, dann übersehen wir das Gesamtbild und kreieren im Gesamtbild ein Bild von z.B. Ellen, von …. und dann sind wir genau da, was der Buddhismus so schön beschreibt: Wir sind Gefangene unserer eigenen Blindheit. Wir fügen uns nicht nur nicht an den Ort ein, der für uns in diesem Augenblick entsteht, sondern wir wehren uns sogar dagegen, denn wir wissen es ja besser, wo und wie wir zu sein haben und was richtig und was falsch ist. Wir übergehen dieses Gesamtbild, nur, weil wir scheinbar besser wissen, was jetzt ansteht.

Das große weite situative ganze Selbst sehen lernen

Das große Gesamtbild eines Augenblicks, das große weite situative Selbst, wie ich es im Rohatsu-Sesshin nannte, ist etwas weit davon Entferntes. Es zu begreifen, bedeutet die Absicht haben zu lernen und ja, tatsächlich zu be-greifen. Dōgen sagt, dass dieses Begreifen und Erlernen auf zwei Ebenen stattfindet: „Das Erlernen der Wahrheit umfasst zwei Aspekte: das Lernen mit dem Geist und das Lernen mit dem Körper.“ (Dōgen Zenji 2013b, 303, Butsu kōjō no ji, Bd.4)

Körper und Geist im Übungsfeld, dem Begreifen eines unbekannten situativen ganzen Selbst

Die Dinge und die Tatsachen im großen situativen Raum

Der berühmte Philosoph Nishitani schreibt in seinem Buch „ Was ist Religion?“, dass wir „gewöhnlich die Dinge in der »Außenwelt« für real [halten]; …Tatsache ist, daß wir, selbst wenn wir die Dinge für real erachten, gewöhnlich zu den Dingen selbst keinen wirklichen Kontakt haben. Nur selten »sieht man schärfer hin« zu den Dingen, so daß wir unser »armseliges Selbst vergessen« und selbst die Dinge werden, die wir sehen. Noch seltener ist es, daß wir in ihnen »Gottes weiter Welt« oder des »Universums« als des Unendlichen unmittelbar gewahr werden. Normalerweise sehen wir die Dinge an, indem wir von uns selbst absehen; das heißt, wir betrachten die Dinge sozusagen von der Festung des Selbst, man könnte auch sagen, von der Höhle des Selbst.“ (Nisḥitani 1982, S. 49–50)

Und wir halten uns an dieses Selbst, das wir überall mit unseren eigenen Ansichten und Vorstellungen hineinfügen wollen, immer für das Richtige. Wir schließen sämtliche Sicherungslücken, auf dass wir uns ja nicht selbst verlieren und betrachten alles, was uns da draußen begegnet erst einmal nicht als Freund, sondern als das Andere, dem ich erst einmal nicht vertraue, denn wir kennen es nicht. Wir vertrauen nur jemandem, den wir kennen.

Das Leben ist ein fremdes Anderes – total ganz

Doch, das Leben ist so nicht. Jeder Moment ist so fremd wie er nur fremd sein kann. Jeder Mensch, selbst der Partner an unserer Seite ist Moment für Moment ein fremdes Wesen, das ich niemals vollständige erfahren und begreifen kann, wenn ich nicht wenigstens für einen gewissen Augenblick mein eigenes Selbst einmal beiseiteschiebe und mich ganz dem situativen großen ganzen Selbst anvertraue. In einer guten Partnerschaft geschieht dies meist in körperlicher Nähe. Dann vertrauen wir uns gegenseitig unsere Körper an und lassen sie in den Moment fließen. Wir greifen nicht hinein, sondern fließen in diesen ganz momenthaften Tatsachenraum. Hier lassen wir uns kein Hintertürchen offen, sondern trauen uns hineinzugehen.

Wir vertrauen einander und schließen Augen und berühren uns mit den Händen. Keine Sicherheit. Kein Notausgang. Absolutes Vertrauen!

Vertrauen

Dieses Vertrauen bedeutet, dass es keinen Notausgang gibt. Es gibt nichts wo wir hingehen könnten, denn wir sind genau in diesem großen weiten situativen Raum. Wir halten nicht einmal Ausschau nach einem Notausgang in diesem Moment, denn dieser Tatsachenraum, den wir zu zweit hier erschaffen, ist vollständig und vollkommen.

Zazen ist genau das. Wir haben keinen Notausgang und niemand verspricht uns eine Sicherheit oder schließt scheinbare Sicherheitslücken. Wir begeben uns in diesen situativen großen weiten Raum, den wir nicht kennen, der uns fremd ist, von dem wir nichts wissen, gar nichts. Zazen ist Vertrauen lernen zu Fremdem, zu Unbekanntem, zu Nicht-Wissen.

Nicht-Wissen ist beweislos

Und dafür braucht es keine Beweise, keine Vorstellungen, keine Ansicht, sondern nur eine einzige Absicht, sich dem vertrauensvoll zu öffnen. Und dieses Öffnen des TATSACHEN-Raumes bedient sich eines einzigen intuitiven tiefen inneren Wissens, das wir Weisheit nennen. Dieses Wissens ist in jedem Wesen. Vollkommen und unerschöpflich. Es ist uns so fremd wie es nah ist. Es ist nicht ein Wissen von und über, sondern es ist eine Weisheit eines Wissens, das „die tatsächliche Beschaffenheit des Geistes zu erlernen bedeutet, […], sich klar darüber zu sein, dass die zehntausend Dharmas [die ganze Erscheinungswelt] eben dieser Geist sind, und es bedeutet zu verstehen, dass die drei Welten [die ganze Wirklichkeit] nichts anderes als dieser Geist sind.“ (Dōgen Zenji 2013b, 307, Butso kōjō no ji, Anhang 2, Bd.4)

Und dass wünsche ich uns allen. Das Erlernen der Weisheit, die bedeutet, die Beschaffenheit des Geistes zu erfahren. Dem Vollkommenen des Jahres 2026 eine Chance geben. Und mit Shunryu Suzukis Worten möchte ich enden:

Doch wenn ihr einmal so alt werdet, wie ich es bin, dann werdet ihr wirklich fühlen: ›Ich bin dieses eine Wesen. Niemand kann meine Position übernehmen, also darf ich mir selbst nichts vormachen.‹ […] Wie könntet ihr die Tatsache, daß ihr der einzige seid, leugnen? […] Aber, wenn ihr die Tatsache akzeptiert, daß ihr der einzige seid, dann habt ihr keine Zeit, von ›guter Praxis‹ oder ›schlechter Praxis‹ zu reden. […] Zu üben heißt, dich selbst allem, was du als Verkörperung der Wahrheit siehst, zu öffnen.“ (Suzuki 2008, S. 199)

Mit herzlichen Grüßen

Eure Ellen Daoren

Literaturverzeichnis

Dōgen Zenji (2013a): Shōbōgenzō. 4 Bände. Heidelberg-Leimen: Kristkeitz (Band II).

Dōgen Zenji (2013b): Shōbōgenzō. 4 Bände. Heidelberg-Leimen: Kristkeitz (Band IV).

Nisḥitani, Keiji (1982): Was ist Religion? Frankfurt a.M.: Insel-Verl.

Suzuki, Shunryu (2008): Seid wie reine Seide und scharfer Stahl. Das geistige Vermächtnis des großen Zen-Meisters. 3. Aufl., Taschenbucherstausg. Hg. v. Edward Espe Brown. München: Heyne ([Heyne-Bücher], 70036).

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