SonntagsBlog „Lauf nicht. Geh langsam.“, 22. November 2025
Liebe ZenhoflerInnen,
der heutige wunderschöne sonnige Wintertag im Herbst ließ die Seele erwärmen, auch wenn die frostige Kälte den wärmsten Pullover bedurfte. Möge der Winter uns wirklich noch ein paar so schöne sonnige kalte Tage schenken, dann kommen wir alle gut durch diese winterlich dunklen Tage.

Der spanische Dichter Juan Ramòn Jiménez schreibt:
„LAUF NICHT. GEH LANGSAM:
Du mußt nur auf dich zugehn!
Geh langsam, lauf nicht,
denn das Kind deines Ich,
das ewig neugeborene,
kann dir nicht folgen!“
Als ich dies jetzt las, liefen mir die Tränen, denn wie oft laufen wir und vergessen das langsame Gehen? Das Stehenbleiben irgendwo um einfach nur zu schauen?
Einfach langsam gehen, um den Atemzug mitzubekommen, den wir gerade tun, der es uns überhaupt ermöglicht zu laufen, zu stehen, zu sitzen, zu gehen…
Einfach langsam gehen, um dem Herzen, der Seele die Zeit zu geben, hinterher zu kommen. Früher sagte mein väterlicher Freund Bernhard immer nach einer Reise: Die Seele muss noch nachkommen.

Wie ist das mit der Zen-Praxis? Ist es hier nicht genauso?
Wir laufen nicht mehr. Der Atem geht langsam, ein und aus, ein und aus. Wir schauen zu. Wir gehen langsam von einem Atemzug zum Nächsten. Von einem Gedanken, den wir bemerken zum Nächsten. Wir gehen von einem körperlichen Schmerz zu einem seelisch-emotionalen Schmerz. Wir gehen langsam, so langsam, dass wir meinen wir sitzen. Aber in Wirklichkeit sitzen wir gar nicht, sondern wir bewegen uns nur nicht. Das ist alles. Was alles geht, dem schauen wir zu. Wir verlangsamen die Trittart unseres Alltags und dann kann unser Kind, das ewig neugeborene nachkommen.
Ist dies nicht ein guter Grund, immer wieder die Absicht aufrecht zu erhalten, Zazen zu üben?

Das innere Kind
Dem inneren Kind die Chance geben, bei unserem langsamen Schritt, sich auch zeigen zu dürfen, um uns daran zu erinnern, dass wir mehr sind, als diese schnelle Trittfolge, mehr sind als schnell reagieren, mehr sind als dieser eine eilige Atemzug beim Ersteigen der Treppenstufen im Laufschritt?
Wieder neu entdecken, dass diese Schritte zu uns selbst gehen, allein auf uns selbst zu. Was ist bei uns, wenn wir sterben? Ist es nicht genau dieses Eine, unser Selbst, das bei uns ist, das wir sind, einzig und allein? Sollten wir nicht mit ihm innigst vertraut sein, angstfrei uns in seine Hände begeben wollen? Was hindert uns?
Die Termine? Die Anderen? Die Arbeit? Die Familie? Die….????
Nein, wir selbst hindern uns, denn wir erachten alles als Wichtiger als unser eigenstes Selbst. Alle Termine sind wichtiger, als genau uns diesem Moment des Langsam-Werdens, des Aus-ruhens zu schenken.

Ruhe-Zeit
Lasst uns auch gerade in dieser Jahreszeit, die die Natur in die Ruhe taucht, auch unsere Ruhe wiedererwecken. Lasst uns nicht laufen, sondern langsam gehen, um dem Kind in uns, das ewig neugeborene die Gelegenheit zu geben, dass es bei uns ist, auf dass wir vollständig sind.
Uns allen eine gute Zeit.
„Lauf nicht. Geh langsam:
Du mußt nur auf dich zugehen!“
Geh langsam, lauf nicht,
denn das Kind deines Ich,
das ewig neugeborene,
kann dir nicht folgen! (Juan Ramòn Jiménez, Herz, stirb oder singe)
Herzlich Eure
Ellen Daoren
Liebe Ellen,
von tiefstem Herzen danke ich Dir für diese schönen und für mich wertvollen Zeilen 🙏🏻. Ich musste sie mehrfach lesen, um meinen Kommentar formulieren zu können.
Ich bemerke gerade auch, wie sich mein Innerstes nach dem langsamer Gehen und Innehalten sehnt.
Ja, nur durch langsames Gehen, wird mir bewusst, wie mich der Alltagsgeist beherrscht und lenkt. Wie ich mich all zu leicht von dem Alltagsgeist in die Irre führen lasse und gegen meine eigentlichen Bedürfnisse im Alltag handle.
Mir ist kürzlich aufgefallen, dass ich in einer Situation von meiner inneren Überzeugung die Handlung A ausführen wollte und gute Gründe dafür hatte und mich kurz darauf bei der Ausführung von Handlung B wiederfand. Ich frage mich, wie konnte das geschehen? Wie konnte ich gegen meine innere Ausrichtung und Überzeugung handeln? Warum habe ich es erst nach der Ausführung von Handlung B bemerkt? Wie hat es der Alltagsgeist geschafft, die Kontrolle zu übernehmen?
Ich war unachtsam und habe mich der Täuschung hingegeben. Die Handlung war nebensächlich und nicht wirklich von großer Bedeutung. Dennoch hat mich die Tatsache erschüttert und zum Innehalten gebracht.
Ja, ich möchte der Natur und Deinem „Aufruf“ folgen und meine innere Ruhe weiter ausbauen.
Ganz herzliche Grüße, Andreas.
☺️🙏🏻
Lieber Andreas,
es ist wunderbar zu lesen, dass es dir aufgefallen ist mit Handlung A und Handlung B.
Manfred hatte während eines Sesshins im Johanneshof eine solche Erfahrung
und wenn wir das wissen, dann ist der nächste Schritt,
nicht unbedingt noch mehr sich anstrengen zu wollen,
natürlich auch,
aber viel wichtiger ist, dass es dir immer öfter auffällt
und dann entsteht die Erfahrung, es geschehen zu lassen,
diese Kontrolle, diese Erwartungen, diese Vorstellungen einfach fallen zu lassen,
denn sie nutzen nichts, denn der Körper und der Geist schieben bereits in eine andere Richtung.
Doch das Bemerkenswerteste ist,
dass je öfter du es siehst, es seltener passieren wird,
denn Körper und Geist sind in ihren Handlungen „sauberer“.
Danke für diesen schönen Kommentar.
Auf unser Übungsfeld Alltag,
der größte Lehrmeister, den wir haben.
Herzliche Grüße
Ellen Daoren
Liebe Ellen,
wie schön und weise diese – Deine Worte wieder sind.
Ich kann dies auch immer wieder im Alltag so bemerken.
Und auch – wie bei Andreas, den Wechsel erleben.
So lasst uns weiter langsam gehen – um uns wieder mehr – vollständig zu erfahren.
DANKE dafür 🙏
In Gassho
Marco 🙏
Lieber Marco,
Es ist nicht einfach nur das langsam gehen. Viele Menschen gehen sehr sehr langsam
und erfahren nichts, dass sie als Erkenntnis und Erfahrung für sich selbst weiser macht.
Das Langsam-gehen ist gleichzeitig auch Schnell-gehen, Fliegen, Sitzen, Laufen, Rennen, und und und…
Vollständig sind wir immer, jeden Augenblick, nur bemerken tun wir es nicht,
denn wir erwünschen uns in situativen Augenblicken oftmals anderes als gerade vor unseren Augen ist,
in unserem Mund liegt, in unseren Ohren ruht und unsere Gedankenwelten bevölkert.
Den Augenblick als umfassende Situation zu begreifen, ist für uns Wesen die Herausforderung.
Alles Liebe Ellen Daoren