Irritationen

SonntagsBlog „Irritationen“, 17. August 2025

Liebe ZenhoflerInnen,

die Hitze des Sommers ist nun drückend geworden. Die Natur lässt die Blätter hängen und dennoch wundert mich, dass die Rose, die ich sehe, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze noch stehende grüne Blätter hat und sogar noch Blüten hervorbringt.

Welch eine Kraft ist da sichtbar? Kann das nicht irritierend sein? Wenn wir kein Wasser zu trinken bekommen in diesen heißen Tagen, wenn die Flasche Wasser in der Hand fehlt, dann werden wir schon wackelig. Wo ist unsere Kraft? Was erhält unsere Kraft?

Viele von uns sind jetzt vielleicht am Meer. Welch eine Kraft!

Irritationen

In dem Wort „Irritationen“ stecken viele Wörter. Sich irren. Irr sein. Irrational. In die Irre gehen. Was haben all diese Wörter gemeinsam? Wie hängen sie zusammen und was bedeuten Irritationen für das tägliche Leben, die Meditation Zazen und uns?

Dieses Wort verweist auf etwas, dass uns unsicher macht, es reizt etwas in uns an, es erregt etwas, es bringt uns auf, es ist etwas ungültig, was wir als gültig erachten. Es regt uns auf. Was ist dieses „Etwas“, was uns da irritiert, was uns aufbringt, was uns antreibt uns aufzuregen und dagegen anzugehen?

Gerade beim Oryoki begegnen wir vielen Irritationen! Wie meistern wir sie?

Gleichgewicht und Ungleichgewicht

Irritationen machen etwas in Unordnung, wo wir gerade glaubten, dass es in Ordnung sei. Irritationen beunruhigen uns, denn sie bringen die Selbstsicherheit ins Wanken.                 Irritationen können Ängste auslösen, denen wir glauben, kein Herr mehr werden zu können.

Irritationen lehnen wir ab, denn sie zeigen uns, dass es da etwas gibt, das wir nicht kennen und dem wir misstrauisch entgegensehen, denn es bringt unsere eigene Gewissheit ins Ungleichgewicht. Und sollen wir nicht stets um Gleichgewicht bemüht sein?

„Wenn wir unser Gleichgewicht verlieren, sterben wir, aber gleichzeitig wachsen wir auch und entwickeln uns. Alles, was wir sehen, verwandelt sich, verliert sein Gleichgewicht. Dass alles so schön aussieht, liegt daran, dass es aus dem Gleichgewicht ist, aber sein Hintergrund ist immer in vollkommener Harmonie. Auf diese Weise existiert alles im Reich der Buddha-Natur, indem es sein Gleichgewicht verliert vor einem Hintergrund des vollkommenen Gleichgewichts.“ (Shunryu Suzuki 2002, S. 34)

Nicht-Wissen

Shunryu Suzuki Roshi meint also, dass wir eigentlich immer im Ungleichgewicht sind und dass genau dadurch die Schönheit der Welt besteht, an der wir wachsen. Was hindert uns also daran diesen Irritationen zu vertrauen? Es ist doch nur ein einfaches anderes von uns „erfasstes Bild“ von Welt? Es ist eine Art „Nicht-Wissen“, dem wir uns vertrauensvoll zuwenden. Wir lassen uns einfach auf das Irren ein, auf das total Andere, auch wenn wir noch so irritiert sind. Wir sprechen hier nicht von Äußerlichkeiten, sondern von Innerlichkeiten. Sie sind uns meist ungewohnt fremd. Wir tragen unsere vermeintlichen von uns benannten „Wissenslichkeiten“ mit majestätischer Würde als unsere persönlichen Muster. Wir haben so lange dafür gebraucht sie aufzubauen, uns darin heimisch zu fühlen, ihnen zu vertrauen, was sollte uns dazu bringen, sie umzuwandeln? Shunryu sagt, dass es bereits immer geschieht, denn alles, was wir vor unseren Augen sehen, wandelt sich. Nur wir verharren. Doch lassen wir das „Verharren“ und schreiten vorwärts ins Irrende, in die uns irritierende ungewohnte Fremde, erfahren wir ein Ungleichgewicht, dessen klarer Grund sich im frischen klaren Wasser spiegelt.

So klar, dass wir nicht mehr wissen!

In die Irre gehen-freiwillig und liebevoll

Dann öffnet sich wie Shunryu Suzuki sagt, die Schönheit. Die Schönheit eines einzigen Augenblicks. Wenn wir also in der Meditation Zazen sitzen, lasst uns doch einfach einmal in die Irre gehen, in das Hineingehen, was wir nicht wissen. Ist das ein Atemzug? Ist das Einatmen? Ist das Ausatmen? Was ist das für eine Bewegung? Welchen Weg geht sie eigentlich? Von wo kommt sie und wo geht sie hin? Nicht auf die anatomische biologische wissende Schiene gehen, sondern auf die Unentdeckte.

Auf diese Bewegung achten, die uns irritiert, nicht auf das, was uns festigt. Das innere Schwanken, Taumeln, Wanken, das schwindlig Machende, das Irritierende, das Fragende, das den Mut fordernde, das „absolut Unbekannte“ eben!

Sollten wir wegen ein bisschen Angst und Unsicherheit wirklich auf ein friedliches Leben verzichten wollen?

Manchmal frage ich mich, wie ich Menschen zeigen kann, was dieser innere Frieden mit dem eigenen Leben macht? Und dann sitze ich mit euch und denke, jetzt, jetzt sage das. Oder ich meine, dass ich euch fühlen lassen müsste, wie sich der Raum, der Zendo anfühlt. Oder ich glaube, dass ich euch aufmerksam machen sollte, dass ihr euren Raum auf Dinge untersuchen solltet, die ihr nicht kennt. Dieser Atem-Raum, was ist das eigentlich? Was atmet da? Was ist das? Oder, was ist ein Herz-Schlag? Was bewegt sich und was bewegt sich nicht?

Doch, all das sage ich nicht, sondern ich sitze mit euch in aller Stille und lasse euch selbst erforschen, das, was bei jedem gerade dran ist. Meine Freundin Stefanie war ein paar Tage hier und hat mit uns gesessen. Am Donnerstag nach der Meditation kamen die Tränen. Sie hatte ihre eigene Aufrichtung gespürt und bemerkt und im Geist erfahren, dass dies nichts mit Stolz zu tun hat. Wunderbar. Ihre vorherige Auffassung von Aufrichtung und Aufrichtigkeit erlebte durch das kurzfristige Verirrt-sein eine Erneuerung, ein neues Wissen, eine neue Erkenntnis. Schönheit und Frieden.

Zenlehrerin Dr. Ellen Kremer-Wilmes
Zenlehrerin Ellen Daoren

DAS BIST DU

Diese kann jeder nur in sich selbst erfahren. Doch, eines ist für uns alle gleich. Den Raum der Meditation Zazen uns selbst schenken, denn dieser Raum ist geschützt und Irritationen führen nicht in die Starre, sondern in die aktive Auseinandersetzung, in die Ankunft eines neuen Wesens, das DU BIST.

Daher liebe ich Zazen und wenn ich als Zen-Lehrerin sehen darf, dass es gelingt, dann wachse ich mit euch. Dafür DANKE ich euch sehr.

Herzliches Gassho Ellen

Literaturverzeichnis

Shunryu Suzuki (2002): Zen-Geist, Anfänger-Geist. 11. Aufl. Berlin: Theseus-Verlag.

2 Kommentare

  1. verirren …. im Irrgarten herumlaufen und den Ausgang finden…..bis der nächste Irrgarten kommt….. im Vertrauen und
    Ruhe diese Aufgabe annehmen und als Entwicklung sehen!

    Wartezeiten und Irritationen nutzen … habe ich gemacht … beobachten und lernen und manchmal sogar lustige Dinge mitnehmen….

    In Erfurt beim Bahnhof versuchten sich viele Menschen in den kleinen Zug zu quetschen … ich kam nicht mehr rein … draußen stand der Zug Fahrer, hatte sich eine Zigarettenpause gegönnt und kam nicht mehr in den Zug…10 Minuten hatte es gedauert das die genervten Mitfahrenden auf ihren Fahrer wirklich reagierten…. wunderbare Situation… habe den späteren Zug genommen und einige Menschen am Gleis mit meiner Gitarre und Gesang glücklich gemacht…. zum ersten Mal getraut … durch eine Irritation.

    danke für den tollen Blog!
    liebe Grüße
    Stefanie aus NRW

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