SonntagsBlog „Was schürt das Feuer?“, 20. Dezember 2025
Liebe ZenhoflerInnen,
das Rohatsu-Sesshin ist vorbei und dennoch weht es in uns weiter. Es hat Ausdrücke gefunden, Sichtweisen hergestellt, Eindrücke gewinnen lassen und Meinungen, Erwartungen an andere Menschen geweckt, Erfahrungen auf den Grund des eigenen Sees abgelagert und Gefühle und Emotionen hinterlassen, Weisheiten geschaffen und Falschheiten und Ehrlichkeiten offengelegt.

Was schürt das Feuer?
Diese Frage ist mein persönliches Resultat dieser Zeit. Was schürt das Feuer? Nicht einfach nur in uns, sondern was bewirkt dieses Schüren des Feuers? Was ist das Feuer? Was ist das Schüren?
Der kleine Lord
Es gibt diesen wunderschönen Weihnachtsfilm „Der kleine Lord“. Und auch, wenn ich diesen jedes Jahr aufs Neue sehe und vielleicht sogar zweimal, zeigt dieser Film etwas, das ganz eng mit dem Schüren des Feuers zusammenhängt. Da ist ein kleiner Junge, der aus seiner eigentlichen Welt des Lebens herausgerissen wird und in eine völlig neue Umgebung gesetzt wird. Er verliert sogar den direkten Zugang zu seinen Vertrauenspersonen. Wir alle würden wahrscheinlich jammern und uns fragen, was soll daraus werden. Wir würden Angst haben vor allem und jedem, was da auf uns zukommen mag. Doch dieser kleine Junge hat etwas, dass wir Menschen Vertrauen nennen. Mit diesem in seinen Grundfesten nicht erschütterbarem Vertrauen geht er an dieses neue Geschehen, an sein neues Leben heran. Er geht auf einen völlig fremden Menschen zu, der von seinem ganzen Umfeld als „böser“ Tyrann eingestuft wird, der sich eben wie ein Herrscher aufführt, denn er ist ja der Graf, der Hochherrschaftliche. Er hat das Recht dazu seit seiner Geburt.

Das Hochherrschaftliche
Sind wir das nicht auch oft? Ein Hochherrschaftliches? Eines das meint, dass wir alles richtigmachen und wir nichts Falsches tun? Sind wir nicht auch in unserem Umfeld manchmal bekannt als das „Böse“, das „Unordentliche“, das „Chaotische“, das „Kluge“, das „Mitfühlende“, das „Emotionale, das „Kind“, das „Gefühlvolle, das „Liebevolle“ und vieles mehr? Werden nicht auch wir in eine Voreinstellung gepackt von unserem Umfeld, und übernehmen dies und wenden es auch an? Eben das Hochherrschaftliche, das Gerechte, das Richtige, das Menschliche, das Rechte eben?
Zazen und Zen
Genau hier setzt Zen und Zazen an. Es fragt nicht nach einem „Wie?“, sondern es fragt, wenn es überhaupt fragt „Was?“. Was geschieht wirklich? Was ist der Raum, den ich betrete? Was ist mein Beitrag zum Ganzen in diesem Raum? Was sehe ich, höre ich, nehme ich wahr, fühle ich, denke ich wirklich? Was hat das mit mir zu tun, was ich denke, fühle, empfinde, sage, sehe, höre, rieche, schmecke? Im Buddhismus heißt es, wenn ein Lebewesen stirbt, stirbt eine Welt. Sind wir Welt und haben wir eine kleine Ahnung von diesem Raum, den wir umfassen? Welche Wirkungen wir hinterlassen, welchen Eindruck wir setzen, welche Folgen unser Handeln hat? Sind wir mit unserer eigenen Welt vollständig im ganzen Raum? Oder welches Feuer unterhalten wir? Welches lassen wir schwelen? Welches lassen wir zugrunde gehen? Welches fördern wir?

Das Schüren des Feuers
Ist der Raum unserer Welt ein äußerlich Sichtbares? Was zeigt dieser Raum, unser Welten-Raum? Schlägt in diesem Raum ein Herz, das von sich aus weiß, welches Feuer es beruhigen, welches es aufflammen lässt, um welches es sich kümmern muss, damit es nicht erlischt und welches lieber gelöscht wird? Ist dieses, was wir im Herzen mitbringen in der Begegnung zu einem Mitmenschen frei und unbelegt, so wie bei dem kleinen Lord oder sind wir schon vor Betreten des Raumes mit einer Meinung versehen? Einer Ansicht, die wir gar nicht bemerken und somit einen Raum erschaffen, der ein Spiegel wird, den wir dann auch wiederum oft nicht bemerken?
Zazen-Praxis ist Bemerken lernen
Zazen-Praxis ist, dass wir es bemerken. Wir lassen uns nicht vom Feuer schüren, verbrennen, sondern wir sind in Achtung (die geistige Haltung) und wir sind in Aufmerksamkeit (die körperlichen Sinne). Wir üben es immer wieder, diesen Bezug des Ganzen zu uns selbst und umgekehrt. Wir nehmen das Geschehen als ein Lernendes zu uns selbst. Im Sesshin sagten wir: Wir halten es an uns selbst an. Wir fragen uns: Was hat das mit meinem mir eigenen Selbst zu tun?
Das ist Zazen-Praxis. Der Weg führt zu mir selbst, immer wieder erneut. Nichts, was mir begegnet hat nichts mit mir zu tun. Bei jedem Geschehen kann ich persönlich als Mensch mit all meinen Voreinstellungen lernen, was ich hier an diesem Ort gerade wirklich tue, denke, fühle, spreche und weiterreiche. Dieser Ort ist nicht getrennt von mir, sondern ich bin es selbst, dass dieses große ganze situative Selbst, wie ich es im Vortrag im Rohatsu-Sesshin nannte, bilde. Das bin ich. Und deckungsgleich wird dieser Raum, dieses große ganze Selbst eines Ortes in seiner Zeit, in genau diesem Augenblick, wenn wir aufhören, zu meinen, wir wüssten alles.
Das Lösen von…
Ein Feuer schüren, umgreift all diese Elemente. Es löst Geformtes auf, verzehrt es und bringt neue Formen hervor. Nicht geplant, nicht eingestuft, nicht vorgeformt. Es entsteht Moment für Moment neu. So wie der kleine Lord Moment für Moment mit keiner Vorformung auf diesen alten festgeformten Menschen, das Herrschaftliche zugeht. Und genau durch diese Unformatierung im Vorfeld gewinnt das Herrschaftliche etwas, dass der kleine Junge aufzeigt. Der alte Lord, das Herrschaftliche bekommt die Chance, seine Formungen aufzulösen und zu schauen, was erscheint, wenn er die von ihm geschaffenen rechtschaffene Feuersform loslässt. Er gewinnt ein neues Vertrauen in die Welt. Er gewinnt sich selbst als eine Ganzheit zurück. Er weiß um sein fehlerhaftes Sein und wird befreit durch die Akzeptanz, dass Moment für Moment Neues entstehen kann und sein darf. Er schürt das Feuer neu und es beginnt anders zu brennen und zu lodern.
Denn bleiben wir im alten Feuer der Gedanken, die dieses Feuer anschüren, „Ich bin der Hochherrschaftliche, Gerechte“ ist kein neues Feuer möglich. Und eh wir uns versehen, hat dieses Schüren des Feuers Ungerechtigkeiten geschaffen, die der „Arglist“ Raum schafft und die Vernichtung des Feuers spürbar wird und nicht seine reinigende Kraft des Neubeginns.
Das Feuer schüren
Das Feuer schüren, geht also in zwei Richtungen. Welche wir wählen, hängt von unserem Bemerkensfeld ab. Wie schrieb Andreas es letztens in seinem Kommentar. Ich schaute mir zu, wie ich Handlung B vollzog, obwohl ich genau Handlung A vollbringen wollte. Wie konnte das geschehen?
Gerade dies ist der so bedeutsame Anfang einer langen Freundschaft zwischen Zazen und dir selbst. Du schaust dir in deinem Tun zu und du siehst deinen Gesichtsausdruck selbst im Spiegel und du siehst zu wie ein Feuer in dir entsteht und wie es in eine Richtung will. Doch, wie Shunryu Suzuki es sagt: Du bist der Boss. Lässt du dich von Feuer schüren einfach in eine Richtung schieben oder entbindest du es mit freiem und offenem Geist?
In unserem kleinen Buddha-Raum im Haus steht seit einiger Zeit ein Amaryllis. Jetzt hat sie ihre Blüte vollständig geöffnet. Was heißt das?

Sie ist total offen und frei in ihrer ganzen Blüte. Sie holt den Himmel auf die Erde. Die Erde wird zum Himmel. Das können wir. Ein jeder und jede von uns. Und das Einzige, was es dazu braucht, ist eine unbegrenzte Zuneigung und Vertrauen in dieses große ganze situative Sein.
Das wünsche ich uns allen für das neue Jahr.
Möge es an unserer Seite sein und ein Feuer schüren lassen, dass die Möglichkeit des Neuwerdens in sich trägt.
Herzlichen Dank euch allen für Euer wundervolles Sein, von dem wir alle voneinander lernen können. Herzlichen Dank.
Ellen Daoren
Die Bilder zum Beitrag passen sehr schön, danke für die Tiefe.
„..oder sind wir schon vor Betreten des Raumes mit einer Meinung versehen?“ ist an mir in letzer Zeit oft aufgefallen. Ebenso das mein Blick oft in die gleiche Richtung fällt.
Offenheit ,Vertrauen und den Blick nach innen.
Danke Ellen
Gassho
Marcel
Großen Dank auch wieder hier von mir, für die Blickwinkel & Inspirationen 🙏
Während des lesen, kommt in mir immer wieder das Lied von:
John Lennon – Imagine
hervor!
Das – so empfinde ich es, hier wunderbar passt.
In Gassho
Marco 🙏