SonntagsBlog „Es ist schneller“, 24.01.2026 Januar 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
auch wenn uns noch frostige Temperaturen den Winter anzeigen, so bemerken wir dennoch, dass die Tage wieder länger werden. Es dämmert jetzt schon bis halb sechs, sechs Uhr.
Der Frühling, scheinbar so ferne, naht mit Riesenschritten. Und da sind wir schon bei „es ist schneller“. Dieser Satz „Es war schneller“ sagte jetzt eine ZenhoflerIn nach der Meditation beim Hinausgehen nach einem kurzen Gespräch.
Ich setzte diesen Satz in die Gegenwart. „Es ist schneller“. Doch stellen sich die Fragen: Was ist „es“? Was ist „ist“? Was ist „schneller“?

Den Dingen auf den Grund gehen
In der Regel nehme wir einen solchen gehörten Satz einfach so hin. Doch, die, die schon lange an meiner Seite gehen, haben erfahren, dass ich diesen Dingen gerne auf den Grund gehe. Und das teile ich heute mit euch.
Denn es ist möglich ein Wort und einen Satz in seiner Vielfalt zu zerlegen, denn dieser Satz und dieses Wort beherbergt vom Beginn seiner Existenz an, diese Vielfalt. Unser menschlicher Geist zerlegt die Vielfalt in Teile und manche fallen vom Tisch und verschwinden für immer, während andere im Vordergrund stehen bleiben, über groß werden, obwohl sie nichts weiter sind als Teile einer Vielfalt, die zu allererst einmal gleichwertig ist. Aber wir vergessen das Heruntergefallene und beziehen es nicht mehr mit ein, obwohl es eben gleichen Wertes ist.
Unser scheinbar eigenes Wissen von diesem Satz, diesem Wort macht daraus das, was wir darüber denken, meinen, empfinden und uns vorstellen. Die Vielfalt in der eigenen Sprache wiederzuentdecken, bedeutet sich selbst näher zu rücken.

„Es ist schneller“.
Was ist dieses „es“? Ehe wir uns versehen, ist Frühling. Ehe wir uns umschauen, blüht der Garten und bedarf einer Pflege. Eher wir uns umdrehen, ist der Teller in die Brüche gegangen und ehe wir es uns vorstellen, ist das Wort aus unserem Mund geschlüpft, obwohl wir es nicht sagen wollten. Vor kurzem hat ein Zenhofler in einem Kommentar zu einem SonntagsBlog geschrieben, dass er sich zuschaute, wie er Handlung B vollzog, wo er eigentlich Handlung A tun wollte. Einem Zenhofler ist dies einmal im Sesshin im Johanneshof passiert. Was dieses „es war schneller“ auslösen kann, konnten wir dann alle beobachten. Die gesamte Reihenfolge der Dokusan-Gespräche stoppte. Der Zen-Meister klingelte nicht. Für eine gefühlt lange Zeit war wie ein Stopp ins Geschehen gerückt. „Es“ ist nicht persönlich, nicht geschlechtlich, nicht dualistisch, denn wäre es dies, dann wäre es kein Es mehr, sondern eben ein Er oder Sie, ein groß oder klein. Das Es ist also etwas Beachtenswertes, das es gilt in Ruhe zu erforschen. Im Sandokai heißt es so schön: Wisse wie es zu dir kommt!
„Es ist schneller“. Dieses Es kennen wir aus der Meditation. Ehe wir uns versehen, ist der Ausatem vorüber und der Einatem steht auf. Wir bekommen manchmal nicht einmal die Pausen zwischen Einatmen und Ausatmen mit, wenn es so schnell ist.
Diesem Es näher zu kommen, können wir zu einer Erfahrungspraxis in der Meditation machen. Wir rücken ihm näher, indem wir noch aufmerksamer auf diese Bewegung des Atems achten. Wir folgen ihr so nah wir nur können. Unser Geist nimmt sozusagen den Atem in die Hand und geht mit durch die Zeit. Eine Übung, die es wert ist zu tun?

Was ist „ist“?
Was ist dieses „ist“? Ist dieses „ist“ stabil oder ist es werdendes Wandelfähiges? Die Philosophen streiten sich seit undenklichen Zeiten darüber. Die Quantenphysiker würden wahrscheinlich sagen: alles unterliegt der Bewegung, den Schwingungen, dem Wandel.
Für die Elektronen scheint dies auf alle Fälle richtig zu sein, aber, was ist mit dem Kern eines Atoms? Ist dieses „ist“ nicht vielleicht von Anbeginn beides: stabil und wandelnd?
Schauen wir uns selbst während Zazen zu, entdecken wir da nicht Beides? Unser Körper bleibt bewegungslos sitzen, stabil, beide Knie auf dem Boden, der Po hat einen festen Sitz. Und dann ist da gleichzeitig dieser permanente Wandel. Der Atem.
Wie sieht unser tagtäglicher Augenblick aus? Erkennen wir das Stabile und den Wandel Minute für Minute? Weshalb bleiben wir eigentlich immer wieder irgendwo hängen und meinen, das ginge nur so und nicht anders? Was bewegt uns anzunehmen, dass der Wandel jetzt nicht ansteht? Was hindert uns, den stabilen Wandel zu sehen? Der stabile Wandel ist kein Widerspruch, sondern bewegte Lebendigkeit im Jetzt, im Ist.

Was ist „schneller“?
Ja, und, was ist schneller? Das Wort „schneller“ ist grammatikalisch ein Komparativ, ein Vergleichswort. Das heißt, es nimmt Bezug zu etwas. Schneller als was, also? Was ist schneller als was? Das Wort ist schon dem Munde entschlüpft, schneller als das Denken. Die Tat ist getan schneller als gewünscht. Die Geschehnisse sind schneller als das Hinterherhalten der Gedanken.
Kennen wir das nicht auch? Wir sitzen Zazen und sehen unseren Gedankenwelten zu. Sie kommen und gehen und manchmal sind sie so schnell aufeinanderfolgend, dass wir „abertausende“ von Gedankenwelten gar nicht mitbekommen, denn sie reihen sich aneinander in einer Blitzgeschwindigkeit. Schneller als unser Bewusstsein, unser Bemerken, unser Mitdenken und Mitfühlen sein kann.
Wenn wir ganz bewusst gehen, Schritt für Schritt setzen, wie im Sesshin während Kinhin draußen, dann können wir bemerken, wie unsere Schritte immer langsamer werden. Unser Geist, wenn wir ins Bewusstsein treten, ist sehr sehr langsam. Vertrauen wir uns wieder den Füßen und somit unserem Körper an, stellen wir fest, dass dieser Körper und dieser Geist viel schneller ist als wir es für möglich halten. Erinnert euch an den Start auf der Rennbahn im Sesshin.
Auch dies können wir in der Meditation beobachten. Sobald wir bewusst, also wissend bemerkend unseren Geist sich einmischen lassen, sofort ist der ruhige Zustand der Gelassenheit weg. Sofort ist die Schmerzfreiheit weg und der Schmerz taucht wieder auf. Das heißt, unser Körper und unser Geist ist wirklich viel schneller als alles, was wir denken können.

Es ist schneller.
„Es ist schneller“ ist tatsächlich so. Eine einzige Tasse Tee erleuchtet uns, denn sie zeigt uns: es ist schneller.
Vertrauen wir also unserem Körper und unserem Geist, vertrauen wir einer echten Intuition, die wächst, wenn wir es ihr erlauben, schneller zu sein, wenn wir uns nicht einmischen, weil wir es besser wissen. Das Einzige, was wir dann brauchen, ist Vertrauen ins Vertrauen.
Nicht-Wissen
Nicht-Wissen ist der Anfang von echtem Vertrauen. Daher lasst uns einfach gemeinsam weiter sitzen im Üben des „Nicht-Wissen“, dass das Ur-vertrauen ist, das Vertrauen, das viel viel schneller ist als alles, was wir uns jemals vorstellen können.
Herzliche Eure Ellen Daoren