Durch-Schauen

SonntagsBlog „Durch-Schauen“, 24. August 2025

Liebe ZenhoflerInnen,

die Hitze ist gewichen und der Sommer verneigt sich vor dem heranziehenden Herbst. Regen ist wichtig, aber noch ein paar südlichere Tage sind auch nicht zu verachten, denn der Winter ist lang bei uns.

Das Durchschauen

Mich hat in letzter Zeit immer wieder dieses Durchschauen angesehen. Was können wir noch glauben im Angesicht einer digitalen Welt, wo der Mensch zu einer binären Einheit wird, die irgendjemand verändert und herrichtet wie es gewünscht wird. Von wem? Für was? Warum? Wie?

Auf einer kleinen Tagung wurden uns derartige Bilder repräsentiert, die eine KI erzeugt hatte. Frauen, die aussahen wie eine Berühmtheit und Werbung für Schminke machte und es in Wirklichkeit nicht war. Ein Papst, der Jeans trägt und es nicht war. Die Liste können wir verlängern.

Was ist noch wahr?

Was ist noch wahr? Wem können wir noch Glauben schenken? Was ist noch Wirklichkeit? Ich denke, dass es noch niemals eine so stark unwirkliche Welt gegeben hat wie heute. Eine Welt, die sich in der Hauptsache auf ein einziges Sinnesorgan konzentriert, den Seh-Sinn. Und der ist wie die Wissenschaft, die doch von allen so hoch gelobt wird, längst bewiesen hat, sehr unzuverlässig. Die Täuschungen sind mannigfaltig.

Also, was bleibt übrig, wenn wir uns noch begreifen, unsere Welt wirklich sehen, wenn wir unsere Sinne in ihrer Vielfalt erspüren wollen? Was bleibt?

Was bleibt?

Für mich war es das Durchschauen. Schauen wir es uns einmal an! Wenn wir einer Lüge begegnen und wir es durchschauen, dann spüren wir vorher irgendetwas. Wir erahnen etwas. Wir sind unruhig in unserem Gefühl, da wir irgendwie wissen, dass ist nicht wahr.

Was durchschauen wir da? Woher wissen wir, dass dieses Durchschauen die Wirklichkeit ist, die wir dann Wahrheit nennen?

Ein Experiment!

Füße! Durchschauen!

Machen wir einmal ein Experiment! Unsere Füße sind die am weitesten von uns entfernten Körperteile. Oft werden sie unterschätzt in ihrer Bedeutung für unseren Körper und Geist. Wir benutzen sie permanent und niemals bedanken wir uns gerade ganz besonders bei ihnen, obwohl sie die sind, die uns tagtäglich von klein auf überall hintragen.

Legt euch auf die Couch, so dass ihr eure Füße seht! Geht in Kontakt mit ihnen! Erspürt sie! Wie sehen sie aus? Wie fühlen sie sich an? Was für Besonderheiten weisen sie auf? Welche Schönheit oder Hässlichkeit seht ihr in ihnen? Wie riechen sie vielleicht? Wie mögen sie wohl schmecken? Kleine Kinder können ihre Füße noch locker in den Mund stecken, leider kann ich das nicht mehr…

Wenn ihr diese Phase durchlaufen habt, dann geht jetzt einen Schritt weiter. Durch-Schaut die Füße einmal wirklich! Nicht in ihrer Bedeutung, die auch bedeutsam ist, wie ich es oben schon aufzeigte. Nein, ihr schaut wirklich durch diese Füße hindurch!

Was seht ihr, wenn ihr hindurchschaut? Ist da nicht Welt? Die ganze Welt? Das heißt, wenn wir wirklich unseren Körper nehmen und unseren Geist ebenfalls und in das Durch-Schauen gehen, dann entdecken wir Welt. Und das Besondere ist, dass diese Welt dann nicht mehr durch uns gefärbt ist, sondern in unserem Fall durch den Fuß. Er zeigt uns sozusagen die Welt, die er sieht und da er eine andere Perspektive auf diese Welt hat, zeigt er uns, was Welt noch ist. Wie Welt noch aussieht? Welche mögliche Welt es noch gibt, die schon längst da ist, von der wir jedoch nichts ahnend getrennt sind!

Ein einziger Fuß kann uns also eine neue Welt zeigen. Er wird zu unserem/er LehrmeisterIn. Lasst uns dies einmal üben! Lasst uns gemeinsam eine neue Welt entdecken, indem wir die Welt, in der wir leben, durchschauen! Uns nicht in die Irre führen lassen, sondern selbst das Sehen, das Hören, das Schmecken, das Riechen, das Fühlen, das Denken Durch-Schauen!

Einfach einmal Durch-Schauen!

Hinüber wechseln auf die andere Seite des einfachen binären digitalen Prinzips. Einfach einmal Durch-Schauen! Und wo können wir dies besser üben als im Zazen? Wir durch-schauen uns übend selbst. Stückchen für Stückchen nähern wir uns unentdeckten Welten, Perspektiven, Ansichten und Möglichkeiten. Wir durchschauen uns selbst und das ist der Anfang einer neu auferstehenden Welt, die ein jeder von uns selbst bereits IST.

Ich freue mich auf unser gemeinsames Durch-Schauen! Eine einzigartige Gelegenheit dies zu üben, ist ein Sesshin. Es ist eine Zeit, in der wir nichts Anderes tun als Durch-zu-schauen! Und gelingt es uns, dann bemerken wir unser eigenes Wachsen und Reifen, gepaart mit einer feinen stillen Freude, die niemand sieht, aber wir sehen sie, denn wir haben sie durch-schaut!

Herzlich Eure Ellen Daoren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google