SonntagsBlog 22. August 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
ja, jetzt ist es soweit. Der Sommer schließt langsam seine Türen und der Herbst blinzelt um die Ecke und riecht, dass er bald dran ist.

Datenwelten
Die Wetterdaten der letzten hundert Jahre geben uns an, was wir in den nächsten 14 Tagen zu erwarten haben. Weltweit gibt es Ausgleiche von Dürre und Überschwemmungen, Essensreichtum und Hunger, grüne Hügel und Erdrutsche. All diese Geschehen sind immer hier. Sie sind nicht irgendwo und irgendwann, sondern sie liegen, auch wenn wir nichts davon direkt spüren, direkt vor unserer Nase. Jeder Wetterbericht nimmt derartiges Geschehen mit auf in seinen Bericht.

Beweisen müssen?
Und im Laufe der letzten vielen Jahre mit Beginn der Computerwelt haben wir uns daran gewöhnt, dass es für alles beweisbare Daten gibt. In der Medizin, in der Rechtswissenschaft, in der Ökologie, in der Ökonomie, sogar in der Philosophie, denn alles wird mit Datenmaterial begründet. Und da diese Begründungen dies so sagen, wie es ist, sind wir verpflichtet so und so zu handeln. Wir müssen das glauben, dass das richtig ist, denn „Wer alles erfasst, kann gezielter handeln.“ Dieser Satz unseres SonntagsBlogs heute ist aus der Zeit-Ausgabe vom 11. September 2025 mit der Überschrift „So verlieren wir den Kitt, der uns zusammenhält.“
Unser eigenes Lied singt welche Töne?
Unsere heutige Welt spielt uns ein Lied vor, dass uns alle so in Töne einhüllt, dass wir vergessen, wer und was wir wirklich sind und vor allem, was wirklich direkt hier ist, ohne dieses Lied.
Eine wirkliche Geschichte
Ein kleiner Junge von ungefähr 10 Jahren sitzt auf der Rückbank eines Autos auf dem Parkplatz eines Supermarktes und schaut in ein Handy. Der Großvater sitzt am Steuer und offensichtlich warten sie. Wir stehen direkt neben ihm mit unseren Auto, als wir bemerken, dass unser Autoschlüssel, wegen eingestellter Batterietätigkeit nicht mehr aufzumachen geht und wir ihn auch nicht mehr ans Fahren kriegen, denn die Betriebsanleitung liegt im Auto und die ist auf Tschechisch, da es ein Re-Import ist. Ich erzähle dem alten Mann im Nachbarauto was passiert ist, während Manfred im Supermarkt versucht die richtige Batterie kaufen zu können. Der Mann sagt: Ach, wir kennen uns doch. Ich habe früher schräg gegenüber in dem Haus mit den Garagen gewohnt. Ich kann sie nach Hause bringen und sie können den Ersatzschlüssel holen. Als Manfred zurückkommt ohne Batterie, tun wir genau das. Manfred steigt in das Auto von dem Mann und ich bleibe zurück, um die Oma abzufangen, die sonst ihren Mann und ihr Enkelkind sucht. Alles klappt prima.
Als wir in unserem Auto sitzen und nach Hause fahren, erzählt mir Manfred, dass der Junge irgendwann von hinten fragt: Oma, was hast du mir mitgebracht? Er hatte gar nicht mitbekommen, dass ein fremder Mann das Auto bestieg, dass sie nicht nach Hause fuhren und dass sein Opa mit einem Mann sprach und nicht mit einer Frau. Die Welt des Jungen bestand aus dem Bildschirm. Jede Wirklichkeit um ihn herum war verschwunden. Es existierte nur noch das Bild. Die Töne der Bildwelt. Die Sprache der Bildwelt. Das Lied, das vom Tod einer wirklichen Welt singt, aber niemand hört zu.

Was hat das mit Zazen und Zen-Praxis zu tun?
Fragt ihr jetzt sicherlich? Was macht Ellen da?
Wenn ihr jetzt auf eure eigene ganz persönliche Zazen-Praxis schaut, fällt euch etwas auf, so hoffe ich? Was macht ein Zazen-Übender im Vergleich zum Daten-Erfassen?
Wir erheben keine Daten von unserem Körper und Geist mehr. Wir vergleichen nicht mit anderen Werten und Daten. Wir werten unsere Daten von Körper und Geist nicht aus. Wir benötigen keine Sammlung von Daten von unserem Körper und Geist, um handeln zu können.
Sondern wir machen in der wirklichen Zazen-Praxis beinah das Umgedrehte davon. Wir schauen einfach zu, was da wirklich geschieht. Wir greifen nicht ein. Wir lernen wieder unserer Intuition zu vertrauen und gehen dann los und handeln danach. Wir erheben kein Ziel unserer Meditation in den Vordergrund. Wir meditieren, weil… Wir meditieren, denn…
Wir üben Zazen einfach im beständigen Tun ohne ein Wollen, ohne ein Ziel. Wir sitzen und schauen zu. Mehr nicht und weniger aber auch nicht. Und ist das nicht oft anstrengend genug?

Das eigene Lied. Der eigene Ton. Die eigene Stimme. Keine Bestimmung!
Und im Gegensatz zum Ansammeln von immer mehr Daten und scheinbaren Fakten, (was ist ein Fakt?), tun wir in der Meditation Zazen genau das nicht mehr. Und genau dadurch werden wir wieder handlungsfähiger im Sinne unseres eigenen wirklichen Handelns. Das Lied, das wir jetzt anstimmen, ist unser eigener Ton, unsere eigene Komposition des Lebens. Kein Datenvolumen, das immense Energie kostet, benötigen wir, sondern wir werden zu unserer eigenen Energie. Einer Energie, die uns am Leben erhält und die Möglichkeit gibt, genau dieses Leben zuerst mit uns und all unseren Bestandteilen, Zellen, Atomen, Organen, Knochen, Muskeln Ideen, Gedanken, Gefühlen zu „verkitten“ und dann mit anderen zu „verkitten“.
Und dieser „Kitt“ ist in der Form Meditation Zazen seit Jahrtausenden bekannt. Und wir tun nichts Anderes als diesen „Kitt“ am Leben zu erhalten, denn er ist die Grundbedingung für ein Zusammenleben, das hält. Für alle.
Wörter wie Gesellschaft, Demokratie, Frieden, Freude spielen da eine Rolle. Vor kurzem sah ich eine Dokumentation über die sechziger Jahre, die Jahre, in denen ich geboren wurde. Der Mann hat ein Archiv aufgebaut aus alten Super-8-Filmen. Und einige Ausschnitte wurden gezeigt. Aber dieser Archivar sagte am Ende etwas sehr Bemerkenswertes: Die Freude, die man auf diesen Film-Ausschnitten sehen kann, die gibt es heute nicht mehr.
Und wodurch entstand diese Freude? Erstens die Menschen feierten gemeinsam. Man traute sich einander an. Der Nachbar war oftmals der beste Freund und Freundin. Zweitens traute man sich glücklich zu sein, mit dem, was man hatte. Drittens man tat es einfach ohne Daten erheben zu müssen, denn alle sorgten sich um alles.

Ist das nicht Zazen?
Gemeinsam feiern wir diesen einen Augenblick und diesen einen Atemzug, der da jetzt kommt. Wir trauen uns einander an, zuerst uns selbst und natürlich auch den Anderen, denn wir sitzen gemeinsam. Der Nachbar neben mir auf dem Kissen, wird er nicht in diesem Augenblick zum FreundIn? Denn er/sie ist da, hilft bei Bedarf, stützt mich und ich verlasse mich darauf. Das macht mich glücklich. Und wir alle im Zendo sorgen für uns selbst und diesen geregelten einfach da seienden Ablauf. Alle sind wir daran beteiligt.
Und so wünsche ich uns allen jetzt genau das. Dass wir den Kitt bewahren, der uns alle zusammenhält.
Herzlich
Ellen Daoren
