Sonntags-Blog „Der Doktor und das liebe Vieh“, 22. März 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
wieder daheim von einer wahrlich anderen Welt, die Unsichtbares sichtbar macht wie Zazen.
Wieder daheim begegnete mir in einem Gespräch mit einer ZenhoflerIn, die Frage und die steht im engen Zusammenhang mit der Erfahrung der Wüste:
„Hat die Gemeinschaft, in der Menschen dasselbe tun wie ich, so eine Bedeutung für mein Leben, dass ich diese Gemeinschaft daher nicht missen möchte? Wie viele Menschen sind derzeit in meinem Leben, die tatsächlich dasselbe tun wie ich?
Ich spreche hier nicht von denken, meinen, vorstellen, erwarten, verstehen und sprechen, sondern von TUN. Wenn wir zusammen dasselbe tun, wie im Zazen, so entsteht eine Gemeinschaft, die anders ist als das, was wir kennen. Wir tun tatsächlich alle dasselbe, auch wenn wir noch so verschieden aussehen, verschieden denken, reden, Vorstellungen haben und und und.

Wir tun dasselbe.
Wir sitzen bewegungslos und beobachten unseren Atem, wie er kommt und geht. Wir zählen die Atemzüge, oft auch in verschiedenen Arten, ganz einzeln und individuell. Wir beobachten unseren Körper und seine Spannungsmuster. Wir sehen unseren geistigen Aktivitäten, unseren Gedankenkreationen zu und können uns immer wieder neu die Frage stellen: Wo kommt dieser Gedankengang jetzt her? Wie kam es zu der Reihenfolge dieser Gedanken? Was ist überhaupt ein Gedanke?
Genauso können wir unseren Körper beobachten. Wo ist eigentlich mein Zwerchfell, dass doch das Atmen erst mit ermöglicht? Wo genau liegt mein Herz? Wie kann die Luft von außen wirklich ins Innere gelangen und dort etwas bewirken? Wie bewirkt sie überhaupt etwas? Was ist atmen?
Und all das ist „dasselbe tun“. Wie viele Menschen kennen wir, die so ernsthaft bemüht sind, sich selbst und somit die Welt der Dinge zu erforschen? Wie viele Menschen kennen wir, die sich selbst anzweifeln und hinterfragen? Wie viele Menschen kennen wir, die wirklich ehrlich sind?
Ob ein Mensch, dasselbe denkt, versteht wie ich, dasselbe meint, sich vorstellt, …, können wir immer nur vermuten, aber an unserem Tun können wir uns erkennen.

TUN wir wirklich dasselbe?
Was ist dasselbe tun? Das Bedeutsame am dasselbe TUN ist, dass wir es tatsächlich sehen können. Stelle ich meine Schuhe am Hauseingang nebeneinander ordentlich ab? Und tun die Anderen dies auch? Und hier geht es nicht um, der tut, der tut nicht, sondern hier geht es um das Öffnen der Augen, für das, was da wirklich ist. Nicht das, was wir sehen wollen, wie es meistens ist und oft zu widersprüchlichem Verhalten führt. Die Augen öffnen für das, was da wirklich ist. Zazen!
Melde ich in einem Restaurant die leere Toilettenpapierrolle? Tausche ich die leere Rolle gegen eine Volle daheim aus? Die anderen auch?
Finden wir eine Gemeinschaft, die tatsächlich dasselbe tut, erforscht, erarbeitet, wirklich so schnell wieder? Eine Gemeinschaft, die uns auch trägt, wenn es einmal nicht so gut läuft?
Und genau dies wird in dieser kleinen Fernsehserie „Der Doktor und das liebe Vieh“ aus den siebziger/achtziger Jahren deutlich. Zumindest in den ersten drei Staffeln, die wirklich von dem Tierarzt James Herriot geschrieben wurden. Es sind vier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Wie kommen sie zusammen in ihrer gegenseitigen Ehrlichkeit, mit ihren ganz persönlichen Problemen und Eigenheiten? Wie leben sie miteinander? Was hält ihre Gemeinschaft aufrecht?
Und da ist genau dies Eine, das Besondere, das auffällig ist beim Zusehen. Sie tun alle dasselbe. Die Tiere und vor allem die Menschen, wie Doktor Siegfried Farnon sind der Mittelpunkt. Und mitten in ihrem dasselbe TUN öffnen sich die menschlichen Felder allen Seins. Wut. Ärger. Eifersucht. Liebe. Hass. Trauer. Zuneigung. Freude. Angst. Eben alle Facetten des menschlichen Lebens.
So ist es bei der Meditation, wenn wir uns einmal oder auch mehrmals die Woche im Zendo treffen auch. Wir kommen mit all unseren menschlichen Eigenschaften, ein jeder, eine jede anders und dann tun wir einfach alle dasselbe.

Das Eigenste als Dasselbe
In meiner Arbeit „Nicht-Dualität“ benenne ich dieses „Dasselbe“ mit einem lateinischen Wort, weil mein Doktorvater dies vorschlug als das „absolute Idem“. Und es ist genau das, wie ich es damals schon beschrieb.
Wir tun dasselbe in diesem einen Augenblick. Wir lassen das Eigenste des eigenen Ich in absoluter Nähe mit den Ichs aller anderen Dinge gehen, indem wir das, was da gerade ist, so annehmen. Unseren eigenen Körper-und Geist-Raum in den großen Körper-Geist-Raum fallen lassen, ohne sich zu wehren, ohne zu meinen, dass es so oder so sein müsste. Und gelingt es uns, diese ganzen gemeinsamen Räume zu einem Dasselbe zusammenfallen zu lassen, dann sind wir angekommen im Raum der Räume.
Schaut Euch in der Mediathek diese wunderbare alte Serie an. Schaut euch die Bilder an mit dem Blick auf Gemeinschaft und erinnert euch an die Eure. Wo ist sie? Wo findet ihr sie? Wie sieht sie aus?

In der Wüste konnten Manfred und ich jeden Tag neu beobachten, was es heißt, Gemeinschaft zu erfahren. Nicht nur zwischen uns in der Stille und Ruhe dieser Wüstenwelt, in der jedes Wort zu viel ist. Nein, auch in der Wüste selbst. Die Tiere, die Pflanzen, der Sand, die Menschen, wie all dies ineinandergreift und dasselbe atmet – LEBEN. Und zwar ein Leben, das jeden Moment den Tod umgreift. Er ist niemals ausgeschlossen. Das lebendige Leben umfasst dasselbe. Leben und Tod – ungetrennt. Und Zazen ist eine Möglichkeit dies zu erforschen. In aller Ruhe. In aller Gelassenheit. In einer Gemeinschaft, in der alle dasselbe TUN.
DANKE!
Herzlich Eure Ellen Daoren
Liebe Ellen,
es ist schön nach deinem Urlaub wieder deinen Blog lesen zu können. Danke für den interessanten Inhalt und die enthaltenen Impulse. Bei dem leeren Toilettenpapier etc. steht in meinem Wochenkalender ein passender Spruch dazu, „Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“. Mich hat dieser Ansatz schon unabhängig vor einigen Wochen ergriffen und mich intrinsisch veranlasst Dinge in meinem Umfeld zu tun. Wie z.B. Müll auf dem Weg aufzuheben und in den Papierkorb zu tun.
Mein zweiter Gedanke zu deinem Blog ist meine Fehlannahme, dass wenn wir das gleiche tun auch das gleiche erfahren und denken oder die gleiche Motivation und Erfahrung haben und machen. Was für ein großer Irrglaube und was für eine große Quelle für Missverständnisse und falsche Erwartungen.
Ganz herzliche Grüße,
Andreas.