SonntagsBlog „Das Hindurch-Schauen“ mit erschaudernder Ehrfurcht?“, 8. Februar 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
mitten in der Faschingszeit sich mit der Ernsthaftigkeit einer meditativen Praktik gedanklich, praktisch und empathisch auseinandersetzen, scheint verrückt, aber das ist der Fasching ja auch. Er will den Winter vertreiben, den Frühling hervorlocken und die bösen Geister des neuen Jahres vertreiben, so dass es ein gutes Jahr ist. Sich verrückt anzuziehen, sich Masken aufzusetzen und in Verkleidungen zeigen, was wir sonst nie tun würden, ist auch ein mutiges offenes Tun wie Zazen zu tun. Die Masken unseres Alltages sind andere. In der Faschingszeit greifen wir vielleicht eher einmal zu denen, die wir schon immer einmal tragen und sein wollten.

Und damit bin ich bei Karlfried Graf von Dürkheim gelandet. Er lebte einige Jahre in Japan und gründete selbst im Schwarzwald ein Zentrum für Stille und Meditation eröffnete.
In seinem Buch „Japan und die Kultur der Stille“ wurde ich an einer Stelle sehr aufmerksam. Er schreibt: „Die Kultur der Stille, die uns die Ursprache der gegenständlichen Welt aufzuschließen vermag, … besteht im Wesentlichen auch darin, Dinge, Bilder, Situationen so zu formen und zu sehen und hören zu lernen, daß die Bewegung des Geistes nicht ganz in ihnen verweilt, sondern durch sie hindurch weitergeht in den lebendigen Grund, dem sie alle entsteigen und den sie nur artikulieren.“ (Dürckheim 1949, S. 59)
Zum Grund der lebendigen Dinge
Und da steht es plötzlich. „Hindurchgehen zum lebendigen Grund aller Dinge.“ Wenn wir Zazen sitzen und unseren Atem beobachten, tun wir nichts Anderes. Wir gehen hindurch. Wir bleiben nirgendwo haften. Wir halten nichts zurück. Der Atem fließt, wie er es für richtig hält. Wir mischen uns nicht ein. Wir gehen hindurch und fließen somit auf den Grund der Dinge zu. Kommt ein Gedanke, dann halten wir ihn nicht bei uns und lassen unseren Geist von ihm weiter irgendwohin lenken, sondern wir erkennen ihn, bedanken uns und lassen ihn gehen. Wir gehen hindurch zum Grund. Was ist dieser Grund, der ursprüngliche Grund? Ist das das sich bewegende Zwerchfell? Der Bauchraum? Der Lungenraum? Der Herzraum? Ist es der Körper-Raum? Der ganze Körper-Geist-Seele-Raum? Was ist dieser Grund?

Die Stille des Urgrundes
Immer wieder neu folgen wir dem Atem. Schauen zu. Und manchmal erspüren wir so etwas wie einen Urgrund, wenn es so ganz still und ganz ruhig ist.
Übt es einmal, dieses „ganz ruhig“ mit in das Zählen des Atems zu nehmen. Beobachtet euch, was das mit euch macht. Oder übt mit „hindurch gehen“ oder mit „nicht verweilen“ oder mit „ganz still“ oder wie Baker Roshi es vor vielen Jahren in einem Sesshin sagte: „Nicht bewegen“. Nehmt euch so ein Wort mit bei Zazen und schaut euch zu, was das mit euch und eurem Geist macht, wenn ihr es tut. Auch könnt ihr dies gut mit in den Alltag nehmen. An der Ampel stehend: Ah, eins, Atemzug, zwei Atemzug – ganz ruhig….
Oder ihr steht in der Küche und bereitet Essen zu. Ah, Atemzug eins – nicht verweilen…hindurch…ah, Atemzug zwei….
Im Alltag den Grund sehen – das Unsichtbare sichtbar machen
Es ist wunderbar, zu erfahren, dass wir dies überall in unserem täglichen Leben tun können. Wir üben im Zendo und nehmen es mit in unseren Alltag. Und dann beginnt das, was Graf von Dürkheim noch schreibt. Wir sehen in den Dingen, Situationen, Begegnungen, Bildern unseres Lebens plötzlich mehr dieses Andere, dieses Unsichtbare, das dennoch immer da ist.
Wir sind offener im Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken. Das „Hindurch-Schauen“ auf beide Seiten und nicht nur auf das für uns scheinbar immer Sichtbare. Und gelingt uns dies, so erleben wir oftmals eine erschauernde Ehrfurcht, zum Beispiel von einer nie geahnten Schönheit, vor einer Erhabenheit und Größe, die uns selbst unfassbar scheint. Eine erschauernde Ehrfurcht vor einer nie enden wollenden Zuwendung zum Lebendigen.

Für das Hindurch-Schauen uns öffnen
Und auch das ist Zazen. Für ein derartiges Hindurch-Schauen uns zu öffnen. Keine Furcht davor zu haben. Sich nicht ängstigen müssen. Denn es gibt kein Hindernis. Wir tun es einfach.
Wir sitzen, atmen, zählen, Atemzug für Atemzug liebevoll führen wir den Geist zum Atmen und dabei gehen wir hindurch und schauen immer wieder neu, was uns spürbar berührt.
Ich freue mich darauf mit Euch noch viele so wunderbare Erfahrungen zu machen, denn es bereichert unser aller Leben. Danke an Euch alle, die ihr mutig und entschlossen „Hindurchgeht“, auch wenn es uns manchmal erschauern lässt. Doch, dann wissen wir, das ist echt!
Herzliche Grüße und Gassho
Ellen Daoren
Literaturverzeichnis
Dürckheim, Karlfried (1949): Japan und die Kultur der Stille. 4. Auflage. München-Planegg: Barth.