SonntagsBlog „Das Andere-sein“, 30. August 2026
Liebe ZenhoflerInnen,
der letzte Augusttag kehrt uns morgen sein Gesicht zu und wir gleiten durch die Nacht in den ersten Tag eines neuen Monats. Ein Monat, der bereits den Herbst durch die Winde in sich trägt.

Begegnung
Manfred und ich sind aus erfahrungsreichen Stunden in Hamburg zurückgekehrt. Eine Elbphilarmonie mit einem mehr als bewundernswerten Konzert jungen Musiker unter Leitung eines berühmten Dirigenten.

In einer Pause bei dem allgegenwärtigen Schanzenbäcker saß am Nebentisch eine asiatische Familie mit einem Kleinkind von ungefähr eineinhalb Jahre. Das Besondere an dieser Familie war, dass keiner der Elternteile ein Handy in der Hand hatte. Sie aßen einfach und der Kleine wurde gefüttert und stopfte sich selbst ab und zu ein bisschen Brot in den Mund. In mir kam das Gefühl hoch, dass dies eine Familie ist, die einfach noch Familie ist. Ich finde nicht die richtigen Worte dafür.
Nach dem Essen ließ die Familie diesen kleinen Jungen laufen. Er kam zu dem Tisch gelaufen, der uns voneinander trennte. Er hatte die Größe der Höhe dieses Tisches und ich hatte sofort ein wenig Befürchtungen, dass er sich an den Kanten der Tische stößt. Aber tat er nicht. Er fühlte offensichtlich seine Körperabmessungen gut.

Der kleine Junge nahm Blickkontakt zu uns auf. Ich ergriff die Gelegenheit und begann mit ihm zu spielen. Über dem Tisch gucken und wieder unter dem Tisch gucken. Also Versteckspielen. Der Kleine machte begeistert mit, strahlte über das ganze Gesicht und mir machte es auch Freude zu sehen, wie der Kleine sich einfach freute. Die Eltern mischten sich nicht ein und lächelten mit.
Was geschieht hier?
Ein kleiner Junge und eine alte Frau treffen sich an einem Tisch bei einem Bäcker mitten in einer Großstadt. Es findet eine Begegnung statt auf Augenhöhe. Beide lassen sich auf etwas ein, ohne einander zu kennen.
Dieses Andere-sein wird einfach zugelassen. Es wird nicht abgelehnt, in die Ecke gestellt, versteckt. Nein, dieses Andere-sein ist plötzlich der Mittelpunkt von allem in diesem einen Augenblick. Und genau das ist Zazen.
Zazen ist das Andere-sein, in dessen Mittelpunkt wir hineintreten. Augenblick für Augenblick treten wir neu in dieses Andere-sein hinein. Dieser eine Atemzug ist der Moment, wo der kleine Junge und die alte Frau Versteck spielen mit ihren Blicken. Es ist das Annehmen dieses Augenblicks, so wie er gerade daherkommt. Wir greifen nicht ein, sondern lassen ihn so zu uns kommen und gehen, wie dieser Atemzug es gerade tut. Wir mischen uns nicht ein.
Das Andere-sein
Dieses Andere-sein, das wir nicht kennen, von dem wir in Wirklichkeit überhaupt nichts wissen, nimmt uns mit. Es vertraut sich uns an, denn es fürchtet sich nicht. Wir fürchten uns vor ihm, denn wir kennen dieses Andere-sein, diesen einen Atemzug, diesen Herzschlag, dieses Gefühl, das in uns hochsteigt, diesen körperlichen Impuls uns bewegen zu wollen, eigentlich nicht wirklich. Wir definieren ihn und glauben, wir würden dieses Andere-sein kennen. Doch, meine Erfahrung lehrt mich, dass wir weit davon entfernt sind, unser eigenes Anderes-sein wirklich zu begreifen.
Wie viel schwerer ist dies, bei anderen Lebewesen? Bei einem kleinen Jungen in einem Café trauen wir uns vielleicht, aber trauen wir uns auch bei einem Pferd, bei einem Punk, bei einer Spinne, bei einer Distel, bei unserem Magen, unseren Augen…, bei einer Erkrankung, bei einer Infektion, bei einer Trauer, …, bei einem Glück, bei einer Geburt, bei einer Trennung, …?

Erforsche es!
Wann trauen wir uns, dieses Andere-sein einfach zu lassen und ihm zuzuschauen, was es uns lehren kann?
Und genau darum geht es. Wie sagt Dōgen Zenji: Erforsche es. Höre nicht auf es immer neu zu erforschen. Genau dieses Andere-sein.
Und so wünsche ich uns allen, uns mutig diesem Anderen-sein in uns und unserer Welt zu übergeben. Uns zu trauen, es zu erkunden, zu erforschen und nicht wegzulaufen, zum Beispiel mit Gedankenwelten, die uns imaginieren, wir wären das Richtige, das Andere ist das Falsche. Sondern wir trauen uns mitten hinein. Immer wieder neu. Mitten hinein in dieses unbekannte Fremde Andere-Sein.
Danke für Euren Mut.
Eine gute Woche uns allen.
Ellen Daoren
