„Beilagen-Joker“

SonntagsBlog „Beilagen-Joker“, 12. Juli 2026

Liebe ZenhoflerInnen,

der Sommer mit strahlend blauem Himmel, feinen Schäfchwolken, angenehmer Wärme und einem typisch leichten Sommerwind ist zurück. Ich mag dies und ich wünsche uns allen, dass wir dem Sommer die Chance geben, auch unseren blauen Himmel zum Leuchten zu bringen.

Beilagen-Joker

Manfred und ich verbrachten jetzt unseren Hochzeitstag in einem nicht so großen Hotel in der fränkischen Schweiz. Das Personal hatte liebevoll unseren Tisch besonders gedeckt und wir bekamen auf Kosten des Hauses ein Glas Sekt. Einfach Danke für dieses Geschenk, denn es strahlte auch beim Bedienen weiter. Es war pure Aufmerksamkeit. Wirklich wunderschön, dies im heutigen Gastgewerbe zu erleben.

Dabei fiel eine Wort-Kreation, die mich hellhörig machte. „Beilagen-Joker“. Ist es nicht so, dass wir auch immer gerne noch einen Joker in der Hand hätten, um vielleicht doch noch zu gewinnen, aus einer Sache gut raus zu kommen, etwas rund zu machen und….?

Ist das Schälchen für das abgebrannte Streichholz auch ein Beilagen-Joker?

Ich glaube, oftmals, ohne dass wir es genau wissen, verfolgen und beachten, wünschen wir uns still und heimlich so einen Joker, der alles wieder gut macht. Und wenn dies dann noch ein Beilagen-Joker ist, ist es natürlich doppelt rund, denn die Beilage liegt ja eben dabei und wir könnten annehmen, dass alles stimmig ist und jetzt nur noch die Beilage richtig sein muss und dann ist alles perfekt. Doch, ist das so?

Was ist ein Joker?

Was ist der Joker wirklich? Und brauchen wir überhaupt einen? Sind wir nicht selbst schon immer unser eigener Joker? Der und die, die schon immer alles gut zusammenlegen, so dass das Beieinanderliegen, die Beilage einfach stimmt? Warum vertrauen wir uns so häufig nicht?

Zazen ist kein Joker. Zazen ist keine Beilage. Zazen ist Zazen, denn es ist dies alles nicht und ist es doch alles. Manchmal ist es eine Beilage. Manchmal ist es ein Joker. Manchmal macht es einem Angst. Manchmal macht es einen glücklich. Zazen sagt nicht Nein und nicht Ja. Es sagt einfach: Schau hin! Schau nicht weg! Was ist das, was mir da gerade begegnet und was hat das mit mir und meiner Welt zu tun?

Wir können Dinge und Menschen mit unserem Wissen und Maßstäben in den Blick nehmen. Das tun wir meistens, denn wir können „leider“ nicht in andere Dinge und Wesen und Menschen hineinkriechen und nachspüren, was da wirklich los ist.

Wir können bemerken lernen, dass ein Bänkchen mit der niedrigen Kante immer zur Wand steht, denn dann steht es so, wie wir gut drauf sitzen.

Zen und Zazen

Aber wir können mit Zen und Zazen bemerken lernen, immer feiner werdend. Wir können immer wieder neu hinschauen und uns fragen: Was ist das wirklich? Wieviel Ich ist da von mir drin und wieviel anderes Ich lasse ich zu? Was sehe ich wirklich oder sehe ich nur das, was meine Gedankenwelten bestätigt? Kann ich meine Gedankenwelten, meine Beilagen, die ich so schön zusammengestellt habe, einfach einmal anders anordnen und vielleicht für jemanden anderen einen Joker hervorholen, der wiederum auch für mich selbst einer ist?

Wieviel von mir gebe ich preis? Wie viele Worte spreche ich von mir und wie vielen Worten höre ich zu? Wie viele Taten lege ich als Beilagen zurecht, obwohl es gar keine Beilagen sind, sondern das Hauptgericht?

Wann fühlen wir einen Joker in uns, der allen ein Joker ist? Wann fühle ich Wünsche? Wann höre ich mich selbst reden, denken, sehend, hörend, schmeckend, riechend, fühlend? Und wann übertrage ich das auf ein anderes Wesen, ohne darüber zu reflektieren, dass dieses Wesen ein anderes Wesen ist und dennoch dieselben Wünsche hat und auch hört, redet,…?

neuer Vorstand Zenhof Rödental
Können diese Menschen Freunde sein für uns?

Freundschaft?

Wann bin ich so frei und offen, dass Freundschaft entstehen kann? Das war jetzt das Besondere in diesem Hotel. Wir waren kein Gast oder ein Fremder, sondern wir wurden als Freunde begrüßt. Und so entstand wieder einmal in mir die Frage: Wie beginnt Freundschaft? Wie bleibt sie erhalten? Wann bin ich frei dafür, eine Freundschaft einzugehen?

Denn Freundschaft bedeutet, dass mindestens zwei Menschen, zwei total verschiedene Wesen etwas schaffen, dass „Freund-sein“ heißt. Wann sind wir „Freund“? Nur mit einem Joker? Oder trauen wir uns „Freund-sein“ zu schaffen, indem wir Mut, Ausdauer, Zuneigung und vertrauende Ver-antwort-ung für uns beide übernehmen? Ist daher heute Freundschaft so schwierig geworden?

Ich freue mich, dass ich in meinem Leben „Freundschaft“ kennenlernen durfte und bewahren darf, denn es lässt mich wach bleiben für das Andere, für den Joker, der darin liegt, der am Ende mein Joker ist und der macht Freude.

Eine gute Woche uns allen

und lasst uns gemeinsam „Beisitzende Joker“ sein, der uns Zazen in Freundschaft erleben und erfahren lässt.

Herzlichen Dank Euch allen, die Ihr mutig sitzt, denn dies ist gerade in unserer heutigen Zeit nicht selbstverständlich. Kein Kurs. Keine Begrenzung. Keine Begrenztheit. Einfach Zazen.

Zazen ist überall!

Ellen Daoren

4 Kommentare zu „„Beilagen-Joker““

    1. Ellen Kremer-Wilmes

      Danke für diese wunderbare Frage: „Einen Joker haben, einen Joker bekommen im Glücksspiel, im Spiel des Lebens?“
      Was ist ein Joker, fragte ich noch einmal das schlaue DWDS-Wörterbuch. Es brachte eine Wortwendung, die mir gefiel. Ein Joker ist beliebig einsetzbar und war in früheren Zeiten eine leere weiße Karte, die dem „Spiel“ eine neue Wendung gibt, die vorher nicht bedacht war.

      Eine leere weiße Karte! Das ist Zen. Nicht diese Situation oder jene mit einer Erwartung, einem Wunsch, einem Gedanken, einer Meinung beschatten, sondern dieses Geschehen belassen, so wie es ist. Und was geschieht dann? Eine Wendung, etwas Unvorhergesehenes, eine Überraschung, denn da zeigt sich in dieser Situation etwas, dass eng mit uns verbunden ist und eine völlig andere Perspektive ermöglicht. Genau das ist der Weg des Zen. Egal, was geschieht, den Joker zulassen, ihn annehmen. Denn ich glaube, dass er immer bereitliegt, dass wir jedoch meistens nicht zugreifen, sondern vorbeigehen, ihn ignorieren. Denn ihn einzusetzen, erfordert Mut, denn, der nächste Joker wird schwieriger sein, denn die Situationen reifen mit unserem Mut. Das Spiel des Lebens ist so bunt und vielfältig, so dass es kaum von uns ganz begriffen werden kann, doch es ist spielend möglich das Leben lebendig anzunehmen und bereit zu sein, den Joker, der immer da ist, zu sehen, ihn zu ergreifen als die Chance für einen Neuanfang. Also auf die leere weiße Karte! Möge sie uns oft begegnen!

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