Auf der Spitze

SonntagsBlog „Auf der Spitze des hohen Masten“, 21. Juni 2026

Liebe ZenhoflerInnen,

der längste Tag des Jahres ist schon fast vorbei. Dunkle Wolken künden von einem Gewitter. Regen auch hier? Die Temperaturen fordern unseren Kreislauf heraus. Von 35 Grad abwärts auf 20 Grad. Was unser Körper alles bewerkstelligen kann. Wirklich unglaublich.

Geist und Körper. Körper und Geist.

Und da unser Geist dem Körper nicht unähnlich ist, kann auch der Geist tatsächlich derartige Kapriolen schlagen. Wir kennen das, wenn wir uns stark ärgern, aufregen oder auch schlimme Nachrichten bekommen. Und die unter uns, die schon ein Sesshin gesessen haben, kennen ihren Geist, wie sehr er uns hin und her schleudert und wie sehr er versucht uns von unserem Vorhaben still zu sitzen und den Atem zu zählen oder einen Satz in unserem Geist zu bewegen, fernhalten will, ablenkt und uns aus unserem Rhythmus schleudert. Eben wie ein Blitz. Gerade noch alles wunderbar mit dem Atem verwoben und der nächste Augenblick, weg bei einem Gedanken, einem Bild…

Kapriolen. Wellen des Lebens. Wellen des Seins. Augenblicke des Jetzt.

Auf der Spitze

So sitzen wir eigentlich stets auf der Spitze dieses hohen Masten und harren der Dinge. Im Zen heißt es: spring. Und unweigerlich fragen wir uns: Wohin? Und bevor wir springen, müssen wir den Masten verlassen, ihn hinter uns lassen, loslassen, unsere Hände lösen, den Mast aus der Hand geben. Da ist nichts mehr. Trauen wir uns?

Trauen wir uns?

Dualität

Doch dies ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist, wenn wir dies genauer betrachten, dass diese Spitze auf dem hohen Mast, wenn wir dort wirklich und tatsächlich einfach nur sitzen, es keine Frage mehr gibt. Denn diese Spitze ist alles, was da ist. Fragen wir uns: wohin stürzen wir? Lassen unsere Hände den Mast wirklich los, dann sind wir bereits gefangen, verfangen. Worin? In der dualistischen Vorstellung: der Mast und ich.

Aber in Wirklichkeit gibt es nichts, was wir loslassen könnten, wohin wir gehen könnten, denn es ist immer bereits alles die Spitze des hohen Masts. Wenn wir Zazen sitzen und den Atemhöhepunkt erreichen, erreichen wir auch die Spitze des Masten. Wenn wir ganz ausgeatmet haben, sind wir bereits vollständig mit der Spitze des Masts verwoben.

Nichts trennt uns. Da ist keine andere Seite. Kein Unten. Kein Oben. Keine Tiefe. Keine Höhe. Wir fallen nicht. Wir lassen nichts los. Im reinen Sitzen auf der Spitze des Masts sind wir da, wo wir sind. Die Christen nennen dies Ewigkeit. Die Buddhisten nennen dies vollständiges Verstehen, Erleuchtung und viele asiatische Glaubensrichtungen sprechen von Nirwana.

Auf der Spitze sitzen

Auf der Spitze des hohen Masts sitzen, ohne die Vorstellung von einem Wohin oder von einem Loslassen, ist da sein, wo wir wirklich sind. Es ist nichts mehr zwischen uns und dem Unsrigen. Nichts, was uns von irgendetwas trennt. Unser Geist und unser Körper sitzen auf dem Mast und wie ein Blitz schlägt es ein und wir leuchten wie der Blitz. Der nachfolgende Donner durchfährt uns, und wir bemerken die Veränderung plötzlich und dennoch überrascht.

Und das wünsche ich uns allen. Auf der Spitze des Masten zu sitzen und keinerlei Furcht vor … zu haben, denn aus Angst halten wir an der Dualität fest. Trennen wir uns von ihr, erleben wir Furchtlosigkeit und öffnen uns für das, was wir wirklich sind. Ungetrennte Wesen.

Dass daraus in der Reflektion mit Hilfe unseres dualistischen Geistes eine unbekannte Freude und Zufriedenheit, mehr Verstehen der anderen Wesen entsteht, ist eine unweigerliche Folge.

Freud und Leid in einem Moment. Diese beiden Gesichter zeigen es.

Und all dies entsteht tatsächlich in dem Augenblick, wo wir uns trauen, einfach sitzen zu bleiben, nicht mehr fortzulaufen, sondern Körper und Geist im Gewitter lassen, keine Angst vor Donner und Blitz, Nässe und Sturm zu haben, denn im Vertrauen auf die vollendete Spitze des hohen Masten, sitzen wir einfach – genau hier und jetzt in einem Nur-das.

In diesem Sinne uns allen derartige Augenblicke, für uns und alle.

Herzlich

Ellen Daoren

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