SonntagsBlog „Anteilnahme“, 09.08.2025
Liebe ZenhoflerInnen,
der August schreitet mit großen Schritten voran. Die Felder hier in der Umgebung von Hofheim werden abgeerntet. Staubfahnen richten sich von den Mähdreschern im Wind getrieben hinauf in den Himmel.
Erntezeit. Der Anfang. Noch reifen Äpfel, Pflaumen, Birnen, Pfirsiche und Gemüse in den Gärten. Was bedeutet Erntezeit für uns?

Was ist Anteilnahme?
Nehmen wir Anteil an dem Werden und Entstehen dieser für uns so wichtigen Nahrungsmittel, Mittel, die uns am Leben erhalten? Was ist Anteilnahme in unser aller Leben? Ist es den Nachbarn anzuerkennen mit seinen Meinungen? Ist es dem Kranken über den schwach gewordenen Körper zu streicheln? Ist es der Beistand bei einem Trauerfall, woher wir meistens das Wort kennen? Wann nehmen wir Anteil an einem Leben? Einem Menschen? Einem Tier? Einer Pflanze? Einem Gegenstand? Einer Straße? Einer Tasse Kaffee?
Einen Anteil nehmen, heißt sich be-teil-igen, steht für „an etwas mitwirken“, bedeutet auch „miteinbezogen sein“. Anteilnahme ist ein Zutun, eine Mitwirkung, eine Stärkung, eine Unterstützung?

Wirklich wirkende Anteilnahme
Wenn wir es als ein „Zutun“ betrachten, stellt sich die Frage: Was ist zu tun? Wenn wir wirklich Anteil nehmen, das heißt also, wir nehmen uns etwas, dann heißt das, dass wir es zu uns holen, es mit uns selbst in Bezug stellen, es in uns wirken, mitwirken lassen. Wir lassen nichts und niemanden, ohne einen Anteil, denn wir sind selbst Anteil. Wir stärken uns selbst. Wir wirken mit uns selbst.
Eine wirkliche und wirkende Anteilnahme beinhaltet beim Mitwirken, beim Miteinbezogen sein, dass wir uns mit etwas aus-ein-ander-setzen. Ein wunderbares Wort. Wir nehmen (den Anteil) aus-ein-ander. Das heißt, dass wir es zusammen, miteinander, gemeinsam in einen Raum stellen und dieses Etwas anschauen, es auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. Wer und was ist das?
Das Aus-ein-ander-setzen
Und genau das ist das Tolle, bei einer wirklich wirkenden Anteilnahme. Denn das, was wir gemeinsam auseinanderbauen und wieder zusammensetzen, ist gereift von Allen, die mitwirkten. Wer und was wirkt mit?
In dem Moment, wo wir uns auf den Stuhl eines Anderen setzen, in ein paar andere Schuhe treten als unsere Eigenen, eine Haartracht tragen, die unser Gesicht unbekannt werden lässt und uns mit einem anderen Rock kleiden, entsteht wirkliche Anteilnahme.
So wie in unserem Anfangs-Sūtra. „Nun öffnen wir die Robe und den Geist des Buddha.“ Wir nehmen Anteil an dieser Robe und diesem Geist eines Buddha. Wir nehmen Buddha auseinander und setzen ihn wieder zusammen, neu, anders und wie immer einzigartig. Wer und was ist Buddha?
Wenn wir in unserer heutigen Zeit keine Anteilnahme mehr nehmen, sie wirklich nicht mehr annehmen, was geschieht dann?
Sind wir dann noch Mitmenschen, Nächstenliebende, dem Anderen Ähnliche, wenn wir vergessen, dass wirklich wirkende Anteilnahme genau das beinhaltet? Der Biologe und Pilzforscher Merlin Sheldrake, sagt:
„Alle späteren komplexen Lebensformen einschließlich des Menschen entstanden in einer Geschichte der dauerhaften ›Intimität von Fremden‹.“ (Sheldrake 2020, S. 124)

Und da ist sie die wirkliche Anteilnahme. Das Nehmen des Anteils, auch in Form der Intimität von Fremden. In unserem kleinen Verein Zenhof Rödental e.V.. sind wir rein äußerlich betrachtet bereits alle Fremde. Wir sehen alle anders aus. Jeder denkt etwas Anderes, tut etwas Anderes. Doch wir können uns gegenseitige Anteilnahme schenken. Wir setzen uns mit diesem Fremden aus-ein-ander und daraus kann Freundschaft entstehen, Zuneigung und wirkliche Anteilnahme.
„Die Intimität des Fremden“
Es geht nicht um die Übernahme von Leid und Glück, sondern das Merkmal einer wirklichen wirkenden Anteilnahme ist das An-Nehmen des Fremden, des Ungewohnten, des Ungewöhnlichen, des Unbekannten.
Ja, und genau das ist die Übung von Zazen. Wir trauen uns genau diese Intimität mit dem uns Fremden einzugehen. Wir nehmen Anteil an diesem Fremden und lernen es schrittweise immer besser kennen. Wir springen über unseren eigenen Schatten. Und wenn wir lange genug üben, erkennen wir die Freundschaft darin.

Die Freundschaft zu Zazen, zu uns selbst und gleichzeitig mit allem, was da an Unbekanntem ist. Das wünsche ich uns allen.
Herzlich Ellen Daoren
Literaturverzeichnis
Danke, liebe Ellen! Ich spüre, dass Anteilnahme für mich immer ein kleiner, evolutionärer Schritt ist. Es findet eine immer interessante Entwicklung statt, die sich mal poitiv oder negativ empfunden anfühlt, aber wenn ich es schaffe wertfrei zu bleiben immer eine Bereicherung ist.
Ja, Anteilnahme ist immer eine Bereicherung, wenn es uns gelingt, was ich als Kommentar-Antwort bei Margit geschrieben habe,
wenn es uns gelingt, dieses Anteil in uns selbst zu integrieren und dann wachsen wir mit der Anteilnahme.
Anteilnahme bedeutet nicht „Mitleiden“? Es bedeutet, ich sehe was gerade Deine Situation von Dir abverlangt, ich fühle, Du bist …., ich höre Deinen Schmerz?
Ja, Anteilnahme ist nicht Mitleiden! Anteil nehmen, heißt, ich verlasse meine Ich-Person und versetze mich für Augenblicke in das Andere. Nicht, „ich sehe, was gerade deine Situation von dir abverlangt…“, sondern diese meine Ich-Person ist für eine kurze Zeitspanne dieses andere Ich. Nicht im Sinne von Selbstaufgabe, sondern im Sinne von „Nehmen des An-Teils“ das ich überhaupt bemerke. Damit setze ich mich wiederum als Ich-Person auseinander und dann erfühle ich die Wirklichkeit des Anderen. Ich will sie auch nicht verändern oder behelfen, sondern ich ertaste, erfühle dieses Andere. Dadurch entsteht eine An-nahme, ein An-nehmen dieses An-Teils in mir selbst, denn das ist nicht ein Anderes, sondern auch ein Teil von dem Meinen, das ich nun an-nehme! Anteilnahme ist die Wiederentdeckung von etwas Eigenem!
Wie immer brilliant geschrieben liebe Ellen!
Man kann es fühlen.
Wo ist mein ganzes Herz bei wahrhaftiger Anteil-nahme?
Jeden Augenblick – immer wieder neu.
Wie schön!
In Gassho
Marco 🙏
Liebe Ellen,
mich hat dieser Beitrag sehr berührt und tief im Herzen bewegt. Ja, sogar in meinen Grundfesten erschüttert. Nehme ich meine Frau und Kinder wahrhaftig an? Nehme ich „richtig“ Anteil an Ihrem Leben? Oder versuche ich Sie zu formen? Vermeide ich die Auseinandersetzung mit dem mir Unbekannten, Fremden und sogar Unangenehmen Anteilen meiner Lieben? Von einem größeren Personenkreis ganz zu schweigen….
Zum Glück ist immer Jetzt und es ist nie zu spät.
Danke für Deinen großartigen Beitrag 🙏🏻🙏🏻🙏🏻.
Herzliche Grüße, Andreas.