Abschiede

SonntagsBlog „Abschiede“, 6. September 2026

Liebe ZenhoflerInnen,

gestern ging ich bei starkem Wind einen wunderschönen Spaziergang machen. Der Wind rauschte durch die Baumwipfel und alles kam in starke Bewegung. Mein Körper wurde manchmal so stark vom Wind getroffen, dass ich richtig kämpfen musste, um vorwärts gehen zu können.

Prag. An der Moldau. Herbststürme.

Die ewige Ruhe

Dabei wurde plötzlich mein Herz schwer und der Gedanke durchzuckte mich, dass ich dies alles einmal, wenn ich sterbe, nie mehr erleben werde. Alles kommt zur Ruhe, zur ewigen Ruhe, wie es so schön heißt. Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich vor vielen Jahren ein feines Gedicht geschrieben habe, das jetzt sehr gut passt.

Dieses Gedicht erzählt von den vielen kleinen Abschieden, die wir tagtäglich erleben. Wir haben immer die großen Abschiede und Trennungen im Kopf, aber eigentlich erleben und erfahren wir Trennung und Abschied Augenblick für Augenblick. Wir bemerken es nicht und dennoch begleiten sie uns seit Beginn unserer Zeit. Das heißt, wir könnten reichlich üben, Abschied zu nehmen.

Dieses Blatt verabschiedet sich gerade von seiner Gestalt.

Abschied nehmen im Zazen

Während unserer Zazen-Meditation ist dies auch eine Praxis. Wir erleben diesen einen Atemzug. Wir spüren, sehen, empfinden das Einatmen und die kleine Pause und dann das Ausatmen. Wir zählen eins. Die kleine Pause nach dem Einatmen und das neue Einatmen beginnt.

Allein dieser Rhythmus bewegt unser ganzes Leben seit wir den ersten Atemzug taten. Millionen von Lebewesen tun dies. Während der Meditation lernen und üben wir diesen einen Atemzug wirklich zu bemerken. Und wenn wir jetzt genau hinschauen, sind dies permanente Abschiede. Sogar Abschiede von etwas sehr Lebenswichtigem. Ohne Atmen kein Leben für uns.

Ohne Atmen keine Bewegung. Feier meines 50-sten!

Das Leben feiern

Doch, wann feiern wir diesen Atem in unserem Leben? Während der Meditation tun wir dies. Wir feiern dieses Atmen, denn es ist jetzt unser ganzer Inhalt. Und jetzt kommt etwas ins Blickfeld, das noch weniger Beachtung findet als der Abschied des einzelnen Atemzuges und seine Feier. Das ist die würdige Verabschiedung. Nicht irgendwie verabschieden, nicht irgendwie feierlich verabschieden, sondern würdig.

Wie funktioniert es? Das würdige Abschied-nehmen?

Feiern ist etwas würdigen. Es ernst nehmen. Es erkennen und bemerken und es nicht unbeachtet in die Schublade stecken. Wie letztens unser Jubiläum. Wir würdigten die Jahre des Schaffens von Manfred und Ellen. Für die Gemeinschaft, für die Gesundheit, für den Frieden, für sich selbst und für das würdige Verabschieden dieser Momente, um Raum zu schaffen für den Neubeginn, der jedem Ende innewohnt.

Die Ordnung der Klangschalen scheint egal und doch ist sie es nicht. Nach jedem feierlichen Gebrauch kehren sie in einen Zustand der ewigen Ruhe, um neu beginnen zu können.

Einen einzigen Atemzug würdigen

Den einen Atemzug, bei dem es uns gelingt in der Meditation ihn wirklich feierlich zu empfangen, ihn in seinem ganzen Dasein zu feiern und würdig und uns vor ihm innerlich verbeugend Abschied nehmen, ist Leben begreifen und es in seiner ganzen Vielfalt und unserer eindeutigen individuellen Gestalt in genau diesem einen Moment anzunehmen.

Übertragen wir dies auf unsere vielen Abschiede in unser aller Leben, so sehen wir, dass wir oft verzweifeln, denn wir wollen den Abschied nicht und feiern schon einmal gar nicht.

Doch, dieser Augenblick unseres Lebens, egal, was und wie er daherkommt, geschieht nur dieses eine Mal. Er, mit allem, was dazu gehört, kommt nicht wieder. Weder das Weh noch das Oh.

Lasst uns gemeinsam unsere vielen kleinen Abschiede kennenlernen, würdig gehen lassen und feierlich begehen, denn sie kehren nicht wieder.

Viele kleine Abschiede

Viele kleine Abschiede

 
Die vielen kleinen tausend Abschiede,
wenn der Blick sich löst,
wenn die Lippen sich nach dem Kuss entbinden,
wenn die Ohren nicht mehr dem Herzschlag, dem Atem lauschen,
wenn die Hände von einander gleiten,
wenn das Haar nicht mehr über die Wange streichelt,
wenn das Glied die Scheide verlässt,
wenn sich die Hand vom Rücken, vom Bauch, von Haut trennt,
wenn die Füße den gemeinsamen Kontakt verlieren,
wenn die Körper sich wieder vereinzeln,
entstehen die vielen täglichen wiederkehrenden tausender kleiner Abschiede
mit dem Zauber des Neubeginns.
 

Ellen Wilmes

Eine gute Woche uns allen.

Herzlich Ellen Daoren

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